Verstehen/Durchdringen eines Stücks

Dieses Thema im Forum "Forum für Anfängerfragen" wurde erstellt von Marsupilami, 8. Nov. 2017.

  1. Dreiklang
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    Dreiklang

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    Zum "Verstehen/Durchdringen eines Stücks"...

    Sicher macht es wenig Spaß, jemandem zuzuhören, der das, was er spielt, selbst nicht durchdrungen hat.

    Oder der musikalisch einfach davonschwimmt, seine musikalische Linie verliert (oder gleich gar nicht erst findet), während er, so technisch gut wie es auch sein mag, sein Stück spielt; all das kommt in den besten Familien vor.

    Dieses "Theoretisieren" über Klavierspiel wird mir sowieso langsam ein Gräuel. Man hört sich das einfach an, was jemand am Instrument bei einem konkreten Stück macht; und wenn es gewünscht ist, kann man seine Kritik dazu abgeben. Das jeweilige Publikum entscheidet dann, ob die künstlerische Arbeit gefällt.

    Es ist - mit Verlaub - egal, wie lange jemand über ein Stück nachgedacht, analysiert hat, daran gearbeitet hat, oder was er sich (vielleicht) hier und da gedacht hat. Interessiert mich vielleicht, was sich jemand beim musizieren denkt? Nö - mich interessiert das, was ich höre. Das dafür umso mehr... und, ob mir das gefallen kann, was ich höre.

    That's it. Ob jemand nun der Meisteranalysator aller Zeiten, oder einfach nur ein Amateur mit einer gesunden, unverdorbenen und unverkrampften Musikalität ist, ist mir völlig gleichgültig. ich verlange einfach nur, dass jemand es versteht, mit seiner Musik zu überzeugen. Wenn er mich überhaupt damit überzeugen will.

    Das können Weltklassemusiker sein, oder auch mal ein Amateur, der's gerade "gut drauf hatte".
    So seh' ich das...
     
  2. Barratt
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    Barratt Lernend

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    Lieber @Dreiklang , Dein Beitrag geht leider meilenweit am Thema vorbei.

    Es wurde nicht gefragt, welche unmaßgebliche Meinung irgendein fiktives "Publikum" hat. Es wurde gefragt, wie ein "Nachschaffender" ein Werk von innen heraus zu verstehen lernt.
     
  3. Dreiklang
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    Dreiklang

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    @Barratt nicht wirklich - ein wenig was über gutes Musizieren ist dort im Beitrag zu finden. Leider nichts, was man so recht in ein Lehrbuch, oder ein abstraktes Theoriegebäude gießen könnte.

    Ich wünsche jedem - (ehrlich) - ein gutes Gelingen bei der Durchdringung seiner Stücke. Ob das nun intuitiv, rational, oder sonstwie geschieht.

    Ein paar Dinge, in aller Kürze (später vielleicht mehr).

    :super::super:
    In der Praxis wurde aber auch oft genug nachgewiesen, dass auch Weltklasseprofis mit dem Durchdringen von Musik irgendwo so ihre Probleme haben - besonders die, die ein wenig zu verkopft an die ganze Sache herangehen. Zum Glück verschwinden ebensolche aber immer mehr aus unseren Konzertsälen...
    Und was genau hat das jetzt mit dem Musizieren zu tun?? Kein Dirigent stellt sich hin, und erzählt dem Konzertpublikum, wie eine Sinfonie musiktheoretisch aufgebaut ist. Er macht die Partitur zu Musik, nichts weiter. Und hoffentlich zu einer Gefälligen, sowie Mitreissenden, sowie dem Publikum Genehmen.
    Wirklich...? Also ich habe das Gefühl, das geht schon. Wenn ich mir Stücke aus meiner Musiksammlung so anhöre, oder meine eigene aufgezeichnete Musik (Klavier, Gitarre, Gesang, Jam Sessons mit Freunden etc.)
    Die Analogie zur Musik ist doch völliger Unsinn (denk' doch mal nach): Struktur, "Grammatik", "Sprache" wenn Du so willst, der Musik ist doch global und universell. Ein Chinese versteht die Schönheit einer guten Sonate ganz genauso wie ein Europäer. Ein muttersprachlicher Ostfriese genauso, wie ein im tiefsten Wald beheimateter Bayer usw. usf.
     
  4. Häretiker
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    Häretiker

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    Weil Du Deinen Kontext selbst ja schon mitbringst. Dieser Kontext, Deine Interpretation, das, was Du dabei empfindest, das macht m.M.n. aus dem Schallereignis Musik.

    Ich bleibe dabei: Was man aufzeichnet sind Schallereignisse. Die Interpretation in Deinem Gehörgang (auch da finden schon Prozesse statt) und Hirn incl. Hormonhaushalt und co. macht erst die Musik.


    Grüße
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  5. Häretiker
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    Häretiker

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    "...
    Dazu testeten sie die musikalischen Vorlieben von 64 Mitgliedern des abgeschieden im bolivianischen Regenwald lebenden Tsimane-Volkes. Ihnen wurden über Kopfhörer diverse Akkorde und Gesangsharmonien westlicher Musik vorgespielt. Dabei zeigte sich, dass die Tsimane Dissonanzen ebenso angenehm empfanden wie harmonisch übereinstimmende Klänge.

    Die Vorliebe für Musikharmonien ist nicht angeboren, fand Josh McDermott heraus.
    Eine Vergleichsgruppe aus 50 bolivianischen Stadtbewohnern, die schon gewisse Hörerfahrungen mit westlicher Musik hatten, bewerteten die Dissonanzen schon als unangenehmer. Eine dritte Testgruppe, die aus 48 US-Amerikanern - die Hälfte davon Musiker - bestand, bevorzugte harmonische Klänge am stärksten. Die Studie von Juli 2016 legt nahe, dass die Kultur eine bestimmte Rolle dabei spielt, wie wir ästhetisch auf Musik reagieren, folgert McDermotts Team. Man könnte auch sagen: Wir lieben, was wir kennen - auch in der Musik. Eine Vorliebe für bestimmte Harmonien ist daher nicht.
    ..."
    https://www.br.de/themen/wissen/musik-forschung-universelle-sprache-100.html

    Es gibt also Gemeinsamkeiten, aber auch heftige Unterschiede.

    Darüberhinaus kann man sich auch von seiner kulturellen Prägung distanzieren und auch mal kräftige Dissonanzen schätzen und Mozart als langweilig und harmlos empfinden (plätscher, plätscher).




    Invoking the Spirit of Goodness
    The Longevity Dance of the Space Beings
    Offering of the White Diamond Throne

    Sind das die Assoziationen, die Du hast bei dieser Musik? Hättest Du das auch so komponiert?

    Grüße
    Häretiker
     
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  6. Dreiklang
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    Nun ja. Eigentlich ist Musik - im physikalischen Sinne - nichts anderes als Schallereignisse. Die man hört... eine Partitur ist so etwas wie ein Kochrezept für Musik. Zu einer solchen wird sie genau genommen erst, wenn sie jemand spielt (trotzdem kann man im Sprachgebrauch das gerne auch miteinander vermengen).

    Was Musik dann letztendlich auslöst im Hörer, steht wieder auf einem anderen Blatt. Sogar bei einem selbst kann Musik mal so, oder mal so, wirken, je nach momentaner Stimmungslage (und/oder Aufnahmebereitschaft).

    Was allerdings (bei mir persönlich) so gut wie nie passiert, dass ich einmal als ausgezeichnet gestaltet klassifizierte Musik irgendwann mal nicht mehr als eine solche empfinde. Das ist mittlerweile eine Konstante (nachdem bei mir gewisse Entwicklungen zum Verständnis von Musik inzwischen so ziemlich "abgeschlossen" sind)
     
  7. Dreiklang
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    Dreiklang

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    Ich dachte mir eigentlich, ich könnte mir das sparen... aber ich sprach (natürlich) explizit von europäischer Kunstmusik (deswegen auch "Sonate"...). Welche, wie auch die Einteilung in Tonleitern, Tongeschlechter, usw. zunächst einmal ein mehr oder weniger künstliches Konstrukt ist. Das sich aber ausgezeichnet zum Musizieren eignet, wie sich in der Praxis herausgestellt hat.
     
  8. Häretiker
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    Häretiker

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    Genau das sage ich ja!

    Das Originalzitat, was meinen Sermon losgetreten hat:
    "...
    Aber das von Musik aus sich selbst heraus transponierte "Verstehen" funktioniert auch ohne Theorie, da ja eben die Mittel ihre Wirkung von sich aus haben, egal ob benannt oder nicht.
    ..."
    Das meine ich damit. Für mich gibt es da keine "aus sich selbst heraus", denn das wurde ja reingesteckt in einem Kontext, wie wir Musik auffassen. Und einen möglichst ähnlichen Kontext braucht man dann zur Interpretation.

    Wenn ich nur Mozartsonaten kenne, werde ich einen Blues nicht verstehen. Der veradmmte Septakkord auf der ersten Stufe wird nicht aufgelöst, sowas aber auch.

    Grüße
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  9. Häretiker
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    Häretiker

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    Genau wie klassische indische Musik. Die funktioniert aber anders.
    Oder klassische japansiche Musik. Funktioniert auch anders.

    Eigentlich untermauerst Du die ganze Zeit mein Argument, danke. :-)

    Grüße
    Häretiker
     
  10. Dreiklang
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    Dreiklang

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    Das gefällt mir richtig gut! ; -)) Vielleicht ist der Jazz tatsächlich eine völlig andere "Musiksprache", als die klassische Musik. Swing, Offbeat, und all das, das ganze Musizier-Gefühl dahinter...

    Eine Art der Musiksprache, die man sicher auch erst mal erlernen, und verstehen lernen muss, bevor man sie genießen, und sich darauf einlassen kann.
    __
    Btw., wo ist eigentlich @hasenbein abgeblieben?
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Aug. 2019
  11. Häretiker
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    Defintiv. Ellington fühlt sich anders an als Bach. Besonders als Bläser (Baritonsax). :-)

    Wenn ich für jedes "Viertel sind kurz!" an die Saxophonkollegen einen Euro bekommen würde, wäre die Probe ein Nullsummenspiel (eine Big-band-Probe = 15€ Sprit).

    Liebe Grüße
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  12. agraffentoni
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    agraffentoni

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    Hast du Lust auf Verriss?
     
  13. Dreiklang
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    Du wirst lachen - eigentlich lese ich seine Beiträge genauso gerne, wie die von @rolf, @chiarina , ....
     
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  14. maxe
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    maxe

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    Das ist energisch zu bestreiten, denn schon aus eigener Erfahrung muss jeder musikerfahrene Deutsche schon zugeben, dass für ihn echte russische, portugiesische oder griechische Musik vorläufig eher etwas fremd erscheint, als deutsche Musik vor 1900 und genauso wird er Schwierigkeiten haben, zu Neue oder Alte Musik, auch deutsche, als sofort "schön" zu begreifen.

    Welcher durchschnittliche Deutsche wird Peking-Oper sofort als für ihn ausnahmslos schön, ganz genauso verstehen wie ein Chinese?:konfus:;-):-)
     
  15. Häretiker
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    Häretiker

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    Man kann das ja mal mit der japanischen Variante testen:



    Grüße
    Häretiker
     
  16. Dreiklang
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    Dreiklang

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    Mit Musik aus anderen Kulturkreisen kommen wir natürlich ein wenig vom Thema weg - aber warum nicht, man kann ja mal in indische etc. Musik reinhören, und sich von deren "Musiksprache" ein Bild machen.

    Was ich noch sagen wollte: meiner Meinung nach kann man schon sehr weit kommen im Musikverständnis durch aufmerksames Hören von viel anspruchsvoller, von echten Meistern gespielter Musik... und ggf. natürlich auch selbst musizieren.

    Etwas eigene Phantasie, Experimentierfreudigkeit und Kreativität hinzu, und es bleiben buchstäblich keine Wünsche mehr offen. Und geht man mit einem offenen Herz und aktiviertem "Gefühlometer" an die Musik heran, kann es bald passieren, dass man in Musik mehr hört und wahrnimmt, als so manche(r) Andere.

    Wichtig ist auch in dem Zusammenhang, dass Regeln nicht immer bindend sein müssen. Begleitung mal lauter als Melodiestimme? Pedalnebel als ganz bewußt eingesetztes Gestaltungsmittel?

    Alles ist möglich, und noch viel viel mehr... je nach Intention. Gerade, wenn man vielleicht mal bewußt Kontraste zu den üblichen Hörgewohnheiten setzen möchte.

    Aber erst mal sollten wir ein Stück natürlich durchdringen, bevor wir gar zu wilde musikalische Experimente wagen.
     
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  17. Einflügler
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    Einflügler

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    Zurück zumThema. Hier ein Vergleichsvideo von einem Pianola und einem echten Pianisten. Das Hauptproblem der Pianolas ist natürlich neben der generellen Präzision. dass man nicht jeden Ton einzeln dynamisch ansteuern kann.

    View: https://youtu.be/HXhmmzQrsV0
     
  18. Melegrian
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    Melegrian

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    Könnte man so eine Frage nicht erst beantworten, wenn man die alten Drogen einnimmt?
    Welche veränderten Bewusstseinsebenen werden erreicht, in denen vielleicht alles anders klingt?

    Ein leider viel zu früh verstorbener Bekannter erzählte mir einmal, dass sich unter Drogen die Zeit auflösen würde oder so, jedenfalls begegnete er dann auch früher im Haus lebenden Personen. Die Ärzte hielten es für Halluzinationen, er hingegen meinte, die wüssten nicht, wovon sie reden, weil alles real wäre, nur auf einer anderen Bewusstseinsebene.
    Habe den nachfolgenden Artikel nur überflogen, werde ihn noch lesen, doch der Anfang war schon einmal sehr interessant. Wie sollte nun etwas durchdrungen werden, wenn der Komponist unter Drogeneinfluss stand.

    https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2005/daz-19-2005/uid-13938

    Aus dem Artikel, gemeint ist Allen Ginsberg, steht nur nicht, wie sich die Wahrnehmung veränderte.
    Auch interessant, Strawinsky - Scherzo fantastique op.3 (Der Bienenflug), da steht:
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Aug. 2019
  19. Barratt
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    Barratt Lernend

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    :007: Was heutzutage "Drogen" genannt wird, galt früher quasi als Vorläufer des Aspirins. :021: Niemand weiß, unter welchen Einflüssen der Urheber eines Werkes zum Zeitpunkt seiner Hervorbringung stand (und diese Aussage trifft unterschiedslos auf alle Kunstgattungen zu).

    ADHS? Kein Problem in der guten alten Zeit von Laudanum. Ein paar Tröpfchen auf ein Löffelchen mit Zucker, und Muttern und Lehrer konnten aufatmen.
    Schlecht drauf? Arsenik und Cocainum sind Deine Freunde.

    Medikationen in der Zeit vor der evidenzbasierten Medizin sind heutzutage haarsträubend zu lesen. Hahnemann hatte deshalb Erfolg, weil das schiere Nichts bekömmlicher und heilender war als Quecksilber, Schwefel, Bilsenkraut, Stechapfel & Co. :011: Manche Menschen versuchen sogar, in Nietzsches Wahnwelten einen Sinn hineinzukonstruieren.

    Die jeweiligen Substanzen wurden irgendwann unter teilweise arg überraschenden (:004:) Begründungen peu-à-peu illegalisiert (Cannabis) bzw. wieder legalisiert (Alkohol / Prohibition).

    Das Werk muss sich von seinem Urheber emanzipieren. :001:
     
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  20. Melegrian
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    Melegrian

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    Stechapfel war bisher das einzige, was mir einmal jemand getrocknet und zerrieben in so einem aus Zeitungspapier gedrehten Tütchen zum Rauchen anbot. Es hatte rein gar keine Wirkung, jedenfalls nicht mehr als eine gewöhnliche Zigarette. Möglich, dass die Zubereitung fehlerhaft war.