Verbier 2011

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Hallo zusammen!

Da ich letzte Woche das Glück hatte, eines der tollsten Konzerte meines Lebens zu besuchen, möchte ich hier kurz darüber berichten.

Jedes Jahr im Sommer, treffen sich im kleinen Schweizer Bergdorf Verbier viele der größten Musiker unserer Zeit zu einem zweiwöchigen Musikfestival der Superlative. Mein Lieblingspianist Evgeny Kissin gibt dort jedes Jahr Konzerte. Da er dieses Jahr ein ganz besonderes Konzert zusammen mit vielen anderen Weltstars gegeben hat, habe ich beschlossen, das Festival dieses Jahr zu besuchen, zumindest für zwei Tage. Einer der Hauptgrunde war auch, dass Martha Argerich ebenfalls an dem Konzert teilnehmen wollte, aber ich habe ja schon in einem anderen Thread berichtet, das sie kurzfristig abgesagt hat.

Verbier ist wie gesagt ein wunderschönes Bergdorf in der Französischen Schweiz mit Blick auf den Anfang des Mont Blanc - Massivs. Dieser Ort ist im Winter einer der nobelsten Skiorte der Schweiz und hat im Sommer daher Nebensaison. Trotzdem ist in diesen zwei Wochen einiges los. Viele Nachwuchsmusiker kommen dort hin, um an Vorträgen und Meisterklassen der ganz Großen teilzunehmen. Man kann eigentlich hingehen wo man will, überall hört man Musik. Natürlich geben auch die ganz Großen dort Konzerte.

Als ich vor Ort als erstes einen Blick auf das von mir erwählte Konzertprogramm richtete musste ich den nächsten Schock verkraften. Nach Argerich und Kremer hat auch Thomas Quasthoff, auf den ich mich ebenfalls sehr gefreut hatte, abgesagt. Trotzdem genoss ich die Zeit in Verbier sehr, lauschte den Straßenmusikern und freute mich auf den großen Abend. Dienstag am frühen Nachmittag dann, bin ich zufällig beim spazierengehen an einen Kirche vorbei gekommen, in der Kathia Buniatishvili spielte. Hoch erfreut vernahm ich die Klänge der h-moll Sonate und hörte ihr einige Zeit zu, da die Wände sehr durchlässig sind. Als ich mich umdrehte, ging plötzlich Martha Argerich zusammen mit einer jungen Frau und Kind an mir vorbei. Wie versteinert bin ich nicht in der Lage die Chance zu nutzen und ein paar Worte mit ihr zu reden. Es ist unglaublich welche Ausstrahlung diese Frau auch noch mit 70 Jahren hat. Zumindest hab ich mich gefreut, dass sie das Konzert anscheinend nicht aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hat.

Am Abend war es dann soweit. Vor dem Konzert ging ich ungeduldig vor dem Konzertsaal auf und ab. Am Hintereingang konnte ich die Ankunft Yuri Bashmets beobachten. Durch die Wände hörte ich, wie jemand den Schluss von Brahms erstem Ungarischem Tanz immer wieder spielt. Als wir dann den Konzertsaal betreten, sitzt Kissin am Flügel und spricht mit Bashmet noch ein Stück durch. Dann nehmen wir Platz und es wird Dunkel. Ich möchte nun die Stücke kurz durchgehen und berichten, wie ich die einzelnen Künstler vor und hinter der Bühne erlebt habe.

1. Johannes Brahms - Sonate für Viola und Klavier op.120 Nr.2 (Bashmet, Kissin)

Ein toller Start in den Konzertabend! Für den ersten Satz wählen beide ein eher langsames Tempo, ich hab ihn lieber etwas zügiger, dafür höre ich Dinge, die ich sonst noch nicht wahrgenommen habe. Beide spielen die Sonate tadellos und harmonieren sehr gut miteinander. Danach spielten beide noch ein Stück von Bender für den kürzlich verstorbenen Vater von Bashmet, was sehr ergreifend war.

Bashmet war leider nicht mehr im Backstage-Bereich anzutreffen, dafür aber ein Kissin, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ausgelassen, fröhlich, lässt freundlich Fotos mit sich machen, erzählt ein bisschen mit mir und signiert mein Programmheft. In Wien und München hab ich ihn immer eher verschlossen erlebt, an diesem Abend hat er aber auch kein komplettes Konzertprogramm durchstehen müssen.

2. Maria Theresa von Paradis - Sicilienne für Violine und Klavier (Gitlis, Buniatishvili)

Ein kurzes und schönes Stück, das beide souverän spielen. Buniatishvili ist für ihr Alter eine bemerkenswerte Pianistin. Es lohnt sich auch, sich ihr Soloprogramm anzuhören. Nur die h-moll Sonate interpretiert sie etwas eigenwillig, da ziehen ich Kissin vor. Gitlis schafft es kaum noch allein auf die Bühne, schwingt den Bogen aber hervorragend.

3. Tschaikowski - Melodie für Violine und Klavier (Gitlis, Wang)

Ebenfalls kurz und schön anzuhören. Yuja Wang überzeugt nicht nur durch ihr Minikleid, zu ihr aber später mehr.

4. Fritz Kreisler - Schöne Rosmarin, Liebeslied (Gitlis, Argerich)

Kurz vor Konzertbeginn wurde bekannt gegeben, dass sich Martha Argerich doch entschlossen hat, an dem Konzert teilzunehmen zu meiner großen Freude natürlich! Argerich nimmt sich bei den Stücken dezent zurück, Gitlis Stil finde ich bei diesen Stücken etwas gewöhnungsbedürftig. Argerich ist hinter der Bühne absolut freundlich, lacht viel, unterhält sich mit den Fans, ist aber leider viel zu schnell verschwunden.

5. Johannes Brahms - Ungarische Tänze Nr. 1 und 5 zu vier Händen (Wang, Buniatishvili)

Beide sind absolut grandios und harmonieren sehr schön miteinander. Yuja Wang ist für mich eine tolle Pianistin. Mit nur 24 Jahren wirkt ihr Spiel unheimlich reif und erfahren. Man höre sich nur auf Youtube ihre Interpretation der Symphonischen Etüden an. Sie muss ihr Klavierspiel keineswegs hinter ihrem schönen Aussehen verstecken. Hinter der Bühne ist sie leider die unfreundlichste. Viel Beachtung wird ihr nicht geschenkt, da sich alle um Kissin und Argerich tummeln. Als ich mich mit ihr unterhalten wollte, wirkte sie etwas genervt. Als ich mich dann mit ihr fotografieren lies dreht sie sich zu einem Vertrauten um und sagte spöttisch "Like in China!". Ich nehme es ihr nicht übel! :)

6. Dimitri Schostokowitsch - Fünf Stücke für zwei Violinen und Klavier (Mutter, Kavakos, Metsuev)

Traumhafte Stücke, die zwar eher einfach komponiert sind, aber sehr unterhaltend wirken. Anne-Sophie Mutter und Kavakos spielen toll zusammen, beide wirken äußerst sympathisch.

7. Mendelssohn - Trio Nr.1 op.49 Satz 3 und 4 (Wang, Capucon, Repin)

Hier kann Wang ihre ganze Klasse zeigen. Eine tolle Darbietung. Repin ist hinter der Bühne sehr sympathisch und redet bis zum Schluss mit den Fans.

8. Eugene Ysaye - Sonate für zwei Violinen, 1. Satz (Kavakos, Bell)

Einfach unglaublich! Beide spielen einfach nur sensationell! Einer der absoluten Höhepunkte des Abends. Joshua Bell ist hinter der Bühne einer der nettesten Musiker, die ich kenne. Er unterhält sich sehr freundlich mit mir, ohne gekünstelt zu wirken. Zum gemeinsamen Foto nimmt er mich in den Arm und klopft mir belustigt auf den Rücken, als meine Frau etwas länger braucht, bis sich der Fotoapparat scharf stellt.

9. Monti Csardes (Matsues, Rachlin, Lakatos)

Eine schöne Show liefern die drei ab, von der das Publikum zurecht begeistert ist.

10. Johannes Brahms - Quartett Nr. 1, 4. satz Rondo alla zingarese (Kissin, Repin, Bashmet, Maisky)

Grandios, mehr kann ich dazu nicht sagen! Maisky ist etwas schüchtern hinter der Bühne, aber sehr freundlich.

11. Witold Lutoslawski - Paganini Variationen für zwei Klaviere (Kissin, Argerich)

Ein großartiger Abschluss des Konzertes dieser zwei Giganten am Flügel.

Insgesamt ein fantastisches Erlebnis, dass ich nie vergessen werde. Wer will, kann sich das Konzert auf www.Medici.tv (unter live - Verbier Festival - "Celebrates" (26. juli) für die nächsten Tage ansehen. Dort sind auch alle andren Konzerte des Festivals vorübergehend verfügbar. Man muss sich dort kostenlos registrieren. Zu empfehlen ist dort auch das Solo-Konzert von Kissin (reines Liszt Programm) unter anderem mit der h-moll Sonate.

Ich wünsche euch eine gute Nacht!

Viele Grüße!

Sebastian
 
M

Manha

Guest
Wow danke für die links, Troubadix.

Gerade der Martha Argerich link hat mir sehr gut gefallen, ich kannte bisher nur Ausschnitte in denen Sie Klavier spielt.

Sie strahlt so viel Energie und Leben aus - bewundernswert.
 
 

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