Welche Wörter würdet ihr gern vor dem Aussterben bewahren?

Dieses Thema im Forum "Plauderecke" wurde erstellt von Chopinne, 7. Juli 2016.

  1. Chopinne
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    Chopinne Guest

    Guten Morgen,

    mir fiel gestern in der Uni wieder eines auf: Viele Wörter, die ich sehr schön finde, sind überhaupt nicht mehr unter jüngeren Leuten bekannt oder gar in Gebrauch. Wir haben für den medizinischen Alltag geübt, wie man Hörtests durchführt und ich neigte dazu, andere Wörter zu verstehen als meine Kommilitonen. Z.B. das Wort "Harm", wenn andere "Arm" verstanden (aufgelöst wurde der Test leider nicht, aber einige gaben an, dieses Wort überhaupt nicht zu kennen). Das brachte mich auf die Idee, hier auf clavio ein Thema für solche Begriffe einzuführen: Wörter, die vom Aussterben bedroht sind und die ihr gern davor bewahren würdet (hypothetisch - realistisch gesehen kann man sowieso wenig gegen die allgemeine Entwicklung tun). Wer mag, gern mit kleiner Erläuterung dazu. Auf FB bin ich bereits Mitglied einer ähnlichen Gruppe und finde es sehr erquicklich (!! :D), morgens solche Wörter zu lesen. :-D:lol: Und da ich den Vorwurf der Arroganz oÄ schon voraussehe: Nein, ich verteufle nicht die "heutige Jugend"; soll sie doch sprechen, wie sie mag. Dass mir diese Sprache teilweise wirklich körperliche Schmerzen bereitet, ist eine Nebensächlichkeit, die nicht der Rede wert ist (keine Ironie). Ich mache mal den Anfang.

    Krume: Stück aus dem weichen Inneren von Gebäck bzw. Brot; Krümel, Brösel.

    Tölpel:
    ungeschickter und einfältiger Mensch

    flugs, geschwind:
    schnell

    stieselig:
    flegelhaft, unmanierlich

    kokett:
    spielerisch flirtend, "von eitel-selbstgefälligem Wesen; bestrebt, die Aufmerksamkeit anderer zu erregen und zu gefallen" (Duden)

    Rabatz:
    Lärm, Krawall

    Springinsfeld:
    unerfahrener, unreifer junger Mensch von unbekümmerter Wesensart (Duden)

    Grünschnabel:
    junger, unerfahrener, aber oft vorlauter Mensch; Neuling, Anfänger (Duden)

    ...hach, ich weiß nicht...aber irgendwie finde ich so viel mehr Gefallen an solchen Ausdrücken wie z.B. "Springinsfeld" als an den heutzutage üblichen. Leider läuft man Gefahr, ausgelacht zu werden, wenn man sie verwendet (ist mir schon einige Male passiert - ich stand drüber :drink::-D)

    LG
     
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  2. Klavirus
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    Klavirus

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    Du entblödest Dich nicht, solche schönen Wörter als veraltet zu bezeichnen?
    :coolguy:
     
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  3. ag2410
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    ag2410 Guest

    @Chopinne , das sind doch sehr schöne Wörter! "Stieselig" ist mir neu, wird in meinen Wortschatz aufgenommen.

    wahrlich
    dufte
    Müßiggang
    Geschmeide
    Fisimatenten
    blümerant


    Deutsche Sprache, schöne Sprache!! :-)

    Und es gibt sogar eine Seite dafür:
    http://www.bedrohte-woerter.de/
    (Wobei die Seite Schwächen hat, weil dort manche Wörter meines Erachtens nicht "alt" sind, und manche eben Dialekt - wie zB. das Wort "Broiler"...)
     
  4. Clavica
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    Clavica

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    Scheinbar und anscheinend. Und die richtige Verwendung:)


    Aber auch die "neue" Sprache ist voll von Feinheiten , die einen differenzierten Ausdruck erlauben. Und das ist doch das Wichtigste:)
     
  5. Moderato
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    Moderato

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    "Mondscheinsonate", weil auch in Deutschland schon arg in der Defensive gegen Moonlight Sonata.:-D
     
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  6. Dorforganistin
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    Dorforganistin

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  7. Ambros_Langleb
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    Ambros_Langleb

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    (1) Scherzl: das Ende vom Kipf, von meinen Nachbarn jenseits des Flusses allerdings unsachgemäß Knorzl genannt
    (2) Dulln: dasselbe, plus "häßlich", gendergerecht von einer Frau
    ...

    Liebe Chopinne,
    dieses Unterfangen ist unterhaltsam, wenn auch endlos. Wenn Du Dir die Lemmata aus dem "Grimm" anschaust, dann ist davon sicher die Hälfte nicht mehr im (aktiven) Gebrauch. Wörter entstehen und gehen unter, zum Entzücken der Lexikographen - Sprache ist nun einmal ein historischer Gegenstand. Mein Lieblingsgebiet sind Wörter, die noch existieren, aber einem derartigen Bedeutungswandel unterliegen, daß man ohne dessen Kenntnis ältere Texte mißverstehen muß. Ich hatte als Student eine Fibel aus dem Ende des 19. Jh. mit Übungssätzen zur Übersetzung ins Lateinische. Einer der Sätze lautete:

    Marcus hat ein blödes Gesicht.

    Sinn: "Markus sieht schlecht", denn blöd = schwach, und Gesicht = (u.a.) Sehvermögen.

    (Ich habe auch ein blödes Gesicht, woher meine zahlreichen unkorrigierten Tippfehler rühren, die ich submissest zu entschudigen bitte).
     
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  8. raffaello
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    raffaello

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    @Moderato : Unnötige Anglizismen sind wirklich furchtbar. Aktueller Aufreger: selbst auf BR Klassik musste das Rezital (deutsch) schon häufig dem recital (englisch) weichen. Und zum Thema: meine liebsten Wörter, welche ich nur noch aus der Literatur kenne, sind

    Kleinod (im nicht-übertragenen Sinn)
    Hoffart (Hochmut)
    Oheim + Muhme (Onkel und Tante auf mütterlicher Seite)
    Base (Cousine)

     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2016
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  9. pianochris66
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    pianochris66

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    Das wäre angesichts Deines nicht gerade fortgeschrittenen Alters auch ein wenig seltsam, liebe Chopinne;-).
     
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  10. Ambros_Langleb
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    Ambros_Langleb

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    Aber nein - sicher ist sie eine puella senex, die Idealverbindung von Jugendschönheit und Altersweisheit ;)
     
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  11. Drahtkommode
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    Drahtkommode

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    Haha, ich hatte mal mit so einer Liste angefangen, leider noch nicht viel drin, aber hier bekomme ich ja neue Anregungen:

    adrett
    antichambrieren
    Bassgeige
    Domestik
    fernmündlich
    Fernsprecher
    Schranze
    Lustgreis
     
  12. raffaello
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    raffaello

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    Das ist doch besser als umgekehrt!
     
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  13. Scarbo
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    Scarbo

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    Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz (RflEttÜAÜG)
     
  14. gubu
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    gubu Guest

    Chopinne, komm in den Osten, sintemal das meiste davon bislang dort noch gesprochen ward! ;-)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 7. Juli 2016
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  15. lavendel
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    lavendel

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    Schöne Idee :-). Im Radio kam vor langer Zeit mal eine Serie dazu. Da wurde auch das Wort "Habseligkeiten" genannt.
     
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  16. mick
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    mick

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    Eine meiner Lieblingsstellen aus dem Rosenkavalier enthält in einem einzigen Satz gleich 8 wunderschöne Ausdrücke:

    Wenn eines hochadeligen Blutes blühender Spross sich herablässt
    im Ehebette einer so gut als bürgerlichen Mamsell Faninal
    acte de présence zu machen vor Gott und der Welt
    und sozusagen angesichts kaiserlicher Majestät -
    da wird, corpo di Bacco,
    von Morgengabe als geziemendem Geschenk dankbarer Devotion
    für die Hingab' so hohen Blutes sehr wohl die Rede sein!
     
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  17. Charis
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    Charis

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    Schöne Idee, dieses Thema. Ich habe auch ein gewisses Faible für Archaismen, hier einige Beispiele:

    Unbill
    Wirrkopf
    hold (hat auch den Sinn von „treu ergeben“ bzw. „loyal“)
    Firn: „nicht wegschmelzender Schnee des Hochgebirges, der durch wiederholtes Auftauen und Wiedergefrieren körnig geworden ist“ (Duden)
    Minne
    Lohe (veraltet: die Flamme)
    Blust (veraltet: das Blühen)

    Mit solchen Worten kann man beim Scrabble wunderbar seine Mitspieler überraschen ;-)
    Übrigens: Die Bibelübersetzung von Buber / Rosenzweig ist eine wahre Fundgrube für solche Archaismen. Hier eine Leseprobe: http://buber.de/de/bibel

    Ich finde aber, dass auch die Sprache der "heutigen Jugend" manchmal eine erstaunliche Kreativität zeigt, wie man z. B. in der Liste der Jugendwörter des Jahres sehen kann: https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendwort_des_Jahres_(Deutschland)
    Oder vor einiger Zeit in Feridun Zaimoglus "Kanak Sprak".
    Wie schrieb doch Goethe, den man in diesem Faden wohl einmal zitieren darf: "Ich hör es gern, wenn auch die Jugend plappert / Das Neue klingt, das Alte klappert."
    ;-)
     
  18. Klafina
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    Klafina

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    Wie @sla019 schreibt, ein endloses Thema!

    Meine Favoriten:

    - selbander fürbass (zu zweit weiter)
    - zum Behufe des .. (zum Zwecke des)
     
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  19. Ambros_Langleb
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    Ambros_Langleb

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    Der Hase zieht im Frühling selbander zu Feld und im Herbst kommt er zu sechzehn zurück.
    Da wird die "Heilige Anna selbdritt" ganz blaß vor Neid.
     
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  20. Tanzpause
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    Tanzpause

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    Ich kämpfe gegen das Aussterben Niederbayrischer Begriffe:
    Gred: Platz vor dem Haus
    Gredbeng: Bank vor dem Haus (und allabendlicher Treffpunkt)
    Fletz: Balkon
    Duggad: -Zudecke
    - Eigenart

    Usw....
     
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