Warum werden die Stücke von Einaudi hier so negativ gesehen?

  • Ersteller Ersteller annibee
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  • #121
Betrachtet man die überlieferte Geschichte, dann kann man Religiom oder Spiritualität sogar als einen Ursprung der Kunst betrachten mindestens aber als großen Motor in der Kunstgeschichte.

Das ist gar keine Frage; dass religiös gebundene Kunst den Weg von der kultischen Begehung zum ästhetischen Ereignis geht, ist in allen Epochen belegt.

Zum ersten Mal in aller Klarheit beim griechischen, oder genauer gesagt, attischen Drama (Musiktheater!), wo man die Stadien der Entwcklung gut nachverfolgen kann. Es beginnt als gottesdienstliches Element im Rahmen des Dionysoskults (das “Dionysostheater” in Athen steht ja im Kultbezirk des Dionysos), ist also Teil des Staatskults, und Mitwirkende müssen attische Vollbürger sein. Diese Bindung an den Dionysoskult hat von Anfang an auch eine politische Dimension, denn das Theater wurde eingeführt zwecks kultischer Aufwertung des Kleineleutegottes Dionysos, der bis dahin irgend ein Mittelding zwischen Gott und Hanswurst war, und damit zwecks politischer Aufwertung der “kleinen Leute”, auf welche sich die Peisistratiten (die Tyrannen von Athen) bei ihrem Staatsstreich gegen ihre Adelsgenossen vorrangig gestützt hatten. Die zweite Phase ist die der Professionalisierung. War das Drama bisher "Laientheater", treten nun ausgebildete Sänger auf, für die dann auch Soloarien eingeführt werden (ab Euripides). Die dritte Phase ist die beginnende Lösung aus dem kultischen Kontext: Euripides hatte die Nase voll von dem konservativen attischen Publikum und inszeniert seine Sachen fortan am makedonischen Königshof in Pella, wo die Aufführungen somit nicht mehr dem Lob des attischen Gottes, sondern dem Prestige der makedonischen Dynastie dienen. Die dritte Phase ist die des Exports in die restliche griechische Welt (es entstehen überall masssenhaft Theater) und die der Kommerzialisierung als “Kurtheater” für eine zahlungskräftige Kundschaft wie in Epidauros, dem bekannsten Beleg für diese abschließende Phase.

Mutatis mutandis kann man diese Entwicklung bei vielen andere Beispielen sehen, wie etwa am Weg von Bachs Oratiorien aus der Thomaskirche ins Gewandhaus oder auch bei nicht-religiöser Kunst wie z.B. am Weg von Brechts didaktischen Stücken zum Repertoire des bürgerlichen Theaters.

Diese Entwicklung war von den meisten Autoren sicher nicht so gedacht, und auch über den weltfremden, die Notwendigkeit von Ressourcen und die eines Publikums gleichermaßen außer Acht lassenden „L’art pour l’art“-Anspruch hätten die meisten von ihnen wohl den Kopf geschüttelt. Sie ist aber ein unvermeidliches Produkt der Rezeptionsgeschichte, die aus heutiger Sicht einen großen Vorteil hat, nämlich den Rezipienten sozusagen die in Freiheit zu entlasssen, das Kunstwerk nach seinen Bedürfnissen zu rezipieren, didaktisch oder kulinarisch oder beides. Oder sogar intellektuell, z.B. wenn die zeitliche Distanz zwischen Kunstwerk und Rezipienten so groß geworden ist, dass es jene beiden Zwecke zunehmen weniger erfüllen kann. Gibt es hier jemand, den die Texte der Arien der Bachschen Oratorien ästhetisch oder inhaltlich ansprechen? Mich auch nicht. Aber wenn man sie in den Kontext der zeitgenössischen Rhetorik und Theologie stellt, werden sie auf einmal hochinteressant.
 
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  • #123
Ich kann es nur nicht ertragen, dass im Bereich Kunst (im weitesten Sinne) jeder meint, mitreden zu können.

B2GAKcACYAALULW
 
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  • #124
Aber selbstverständlich kann man auch zufrieden und friedlich ohne sie leben. Also, selbst wenn die Hochkultur im Niedergang wäre, so what.
Lieber Johnny,

Selbstverständlich kann man glücklich und zufrieden ohne Kunst und Kultur leben. Und doch gibt es schon in frühen Kulturen deutliche Anzeichen, dass Menschen künstlerische Tätigkeiten ein wichtiges Bedürfnis sind. Beim Rubinstein-Wettbewerb wurden gerade Werke verlangt, die von jüdischen KZ-Häftlingen in Ausschwitz u.a. komponiert wurden.

Die Auseinandersetzung mit unserem Leben und den Herausforderungen des menschlichen Daseins in einem künstlerischen Akt scheint uns wichtig und essentiell zu sein. Der Mensch hat sich immer in Frage gestellt, mit dem Tod gehadert, seine Rolle in der Welt hinterfragt - das geschieht halt mit dem Wort, dem Bild, der Musik. Für mich bedeutet Kunst Auseinandersetzung, Herausforderung. Klassische Musik ist weit mehr als "wohlfühlen", ihre Komplexität ist einzigartig in der Welt.

Es ist wichtig, dass es Hochkultur gibt. Selbst wenn jemand noch nicht mit ihr in Kontakt gekommen ist, kennt er wahrscheinlich Menschen, die mit ihr in Kontakt gekommen sind. Exzellenz fördert die Entwicklung der Menschen, auch in der Breite.

Die Kunst vergangener Epochen kommt uns manchmal fremd vor, weil die damalige Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit ihr eine andere ist als heute. Auch die Sprache, die Sitten und Gebräuche waren anders, die Instrumente, die Möglichkeiten etc. ebenso. Und doch ist der Mensch im Grunde immer derselbe. Seine Bedürfnisse haben sich nicht geändert im Laufe der Jahrtausende. Es lohnt sich, sich mit der Kultur vergangener Zeiten auseinandersetzen, weil wir uns besser verstehen und durch die Geschichte lernen können. Und es lohnt sich, weil einzigartige künstlerische Werke entstanden sind, die uns in den Bann ziehen und zeigen, wozu der Mensch fähig sein kann.

Liebe Grüße

chiarina
 
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  • #125
Es ist also so:
Wenn ich sage dass mir die Appassionata persönlich nicht gefällt, ich aber weiß und erkenne dass es ein bedeutendes Werk ist, dann ist das OK.
Wenn ich Einaudi mag und genauso weiß dass es keine hohe Kunst ist, dann bin ich ein ahnungsloser Depp der bestimmt immer bei McD isst und sich Promiquatsch auf RTL 2 anschaut.
 
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  • #126
Nein, Depp bist Du, wenn Du so tust, als wäre Einaudi der Heilige Gral der Musik, obwohl Du noch nie vom Heiligen Gral gehört hast.
 
  • #127
Hat es jemals so viele Leute in Deutschland gegeben wie heute die davon leben können sich voll der Kunst zu widmen?
Nein, aber die Zahl musst du schon bzgl. Bevölkerungswachstum korrigieren. Und viele Künstler haben heute nebenbei noch einen Brotjob.
 
  • #128
Und doch gibt es schon in frühen Kulturen deutliche Anzeichen, dass Menschen künstlerische Tätigkeiten ein wichtiges Bedürfnis sind.

Unbedingt! Ich sehe zwischen unseren Beiträgen auch gar keinen großen Widerspruch.
Wenn man den gesellschaftlichen/ menschlichen Beitrag unserer Hochkultur hervorhebt (z.B. der europäischen Musiktradition) und meckert dass früher mehr Lametta war, darf man aber ja schon reflektieren ob früher wirklich alles besser war und worin der Beitrag damals genau bestand.

Ich finde eben, es gibt absolut keinen Grund irgendeinen Hochkultur-Niedergang zu betrauern (ob real oder nicht) und genieße lieber Kunst, die es gibt, oder werde selbst kreativ. Alles andere ist eitel.

Exzellenz fördert die Entwicklung der Menschen, auch in der Breite.

Mag sein. Wäre die Welt ohne Wagner und seine Hörer jetzt besser oder schlechter? Ich weiß es nicht. Unter den großen Künstlern und deren Konsumenten gibt es halt genauso viele Menschenverachter wie unter Leuten die mit großer Kunst nichts anfangen können.

Und mein Gedanke im letzten Absatz ist eben auch in einer Selbstreflexion entstanden: Ich bin oft in Südamerika unterwegs, in nennen wir es bildungsfernen Gegenden. Auch wenn ich mich für wenig patriotisch halte, habe ich dann im Hinterkopf doch manchmal unsere europäische/ deutsche Hochkultur. Dort gibts und gabs natürlich auch schon immer Musik, aber platt gesagt: Nichts Vergleichbares mit Bach oder dem Klavier. Kann man auf alles stolz sein (auch wenn selbst nichts dazu beigetragen), darf und soll man alles fördern. Dann hole ich mich aber ganz schnell auf den Boden zurück mit der Frage wozu das gebildete, deutsche Volk noch so fähig war (auch wenn selbst nichts dazu beigetragen).

Und dann schließe ich: Unsere europäische Hochkultur macht uns nicht zu besseren Menschen oder sonst was. (Wer daraus schließt ich sei gegen Förderung von Hochkultur und Exzellenz, hat meinen Punkt nicht verstanden).
 
  • #129
Nein, aber die Zahl musst du schon bzgl. Bevölkerungswachstum korrigieren. Und viele Künstler haben heute nebenbei noch einen Brotjob.

Du darfs in meiner Aussage ruhig gedanklich "relativ zur Einwohnerzahl" ergänzen. Zu allen Zeiten hatten viele Künstler andere Jobs, Kafka war hauptberuflich Versicherungsbeamter. Ich denke das war früher eher die Regel.
 
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  • #131
Gibt es Klavier Stücke aus den letzten ca. 50 Jahren die Substanz haben und evtl. für fortgeschrittene Amateure machbar sind, nicht nur für Virtuosen? Kein Avantgarde, aber auch kein Glass, Einaudi, Nyman, Tiersen, kein New Age, Cinematic etc.?

Ich persönlich mag Takemitsu, sind "Rain Tree Sketch II" und "Les yeux clos" technisch nicht zu schwer? Oder andere Stücke von ihm?

Hier, was ich bisher finden konnte und glaube, das ist nicht unbedingt Musik, wo ich bereit bin, Wochen und Monate an so einem Stück zu arbeiten:
Silvestrov - Bagatellen/Miniaturen
Morton Feldman - Palais de Mari
John Adams - China Gates, Phrygian Gates
Arvo Pärt - Für Alina

Ligetis "Musica ricercata" ist schon fast 80 Jahre alt, klingt aber immer noch frisch und manche Teile sind wohl einfach.
 
  • #132
"Für Alina" ist entweder zu leicht oder zu schwer.
 
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  • #134
Játékok von György Kurtág. Sehr empfehlenswert!
 
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  • #135
Játékok von György Kurtág. Sehr empfehlenswert!

So etwas? Da ist nicht so ganz meine Welt, fürchte ich und wird für mich wohl auch für immer verschlossen bleiben:





Irgendwie kam nach Mompous Musica Callada nicht viel, was für mich verstehbar ist. Entweder fast zu kitschig (Pärt und Silvestrov), zu repetitiv, inhaltsleer (amerikanische Minimalisten) oder zu wenig Musik (Avantgarde)
 
  • #136
Aber die Vortragsbezeichnung "Lendülettel" muss ich mir merken!
 
  • #137
Wichtig ist immer der ernste Blick in die "Noten":
Und mit viel Gefühl bitte:
 
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  • #138
So etwas? Da ist nicht so ganz meine Welt, fürchte ich und wird für mich wohl auch für immer verschlossen bleiben:


Das erinnert doch irgendwie sehr stark an Ligeti Musica Ricercata, quasi ein kurz Abklatsch. Sowas ist für mich höchstens einmal wertvolle Kunst.
 
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  • #140
Naja, da seid ihr jetzt aber seltsam abgebogen. Kurtag und Ligeti waren befreundet.
Und bei Jaketok handelt es sich um pädagogische Vortragsstücke, angelehnt an spontanes Kinderspiel.
Also eh das Falsche, um in Ehrfurcht zu erstarren.
 
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