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Betrachtet man die überlieferte Geschichte, dann kann man Religiom oder Spiritualität sogar als einen Ursprung der Kunst betrachten mindestens aber als großen Motor in der Kunstgeschichte.
Das ist gar keine Frage; dass religiös gebundene Kunst den Weg von der kultischen Begehung zum ästhetischen Ereignis geht, ist in allen Epochen belegt.
Zum ersten Mal in aller Klarheit beim griechischen, oder genauer gesagt, attischen Drama (Musiktheater!), wo man die Stadien der Entwcklung gut nachverfolgen kann. Es beginnt als gottesdienstliches Element im Rahmen des Dionysoskults (das “Dionysostheater” in Athen steht ja im Kultbezirk des Dionysos), ist also Teil des Staatskults, und Mitwirkende müssen attische Vollbürger sein. Diese Bindung an den Dionysoskult hat von Anfang an auch eine politische Dimension, denn das Theater wurde eingeführt zwecks kultischer Aufwertung des Kleineleutegottes Dionysos, der bis dahin irgend ein Mittelding zwischen Gott und Hanswurst war, und damit zwecks politischer Aufwertung der “kleinen Leute”, auf welche sich die Peisistratiten (die Tyrannen von Athen) bei ihrem Staatsstreich gegen ihre Adelsgenossen vorrangig gestützt hatten. Die zweite Phase ist die der Professionalisierung. War das Drama bisher "Laientheater", treten nun ausgebildete Sänger auf, für die dann auch Soloarien eingeführt werden (ab Euripides). Die dritte Phase ist die beginnende Lösung aus dem kultischen Kontext: Euripides hatte die Nase voll von dem konservativen attischen Publikum und inszeniert seine Sachen fortan am makedonischen Königshof in Pella, wo die Aufführungen somit nicht mehr dem Lob des attischen Gottes, sondern dem Prestige der makedonischen Dynastie dienen. Die dritte Phase ist die des Exports in die restliche griechische Welt (es entstehen überall masssenhaft Theater) und die der Kommerzialisierung als “Kurtheater” für eine zahlungskräftige Kundschaft wie in Epidauros, dem bekannsten Beleg für diese abschließende Phase.
Mutatis mutandis kann man diese Entwicklung bei vielen andere Beispielen sehen, wie etwa am Weg von Bachs Oratiorien aus der Thomaskirche ins Gewandhaus oder auch bei nicht-religiöser Kunst wie z.B. am Weg von Brechts didaktischen Stücken zum Repertoire des bürgerlichen Theaters.
Diese Entwicklung war von den meisten Autoren sicher nicht so gedacht, und auch über den weltfremden, die Notwendigkeit von Ressourcen und die eines Publikums gleichermaßen außer Acht lassenden „L’art pour l’art“-Anspruch hätten die meisten von ihnen wohl den Kopf geschüttelt. Sie ist aber ein unvermeidliches Produkt der Rezeptionsgeschichte, die aus heutiger Sicht einen großen Vorteil hat, nämlich den Rezipienten sozusagen die in Freiheit zu entlasssen, das Kunstwerk nach seinen Bedürfnissen zu rezipieren, didaktisch oder kulinarisch oder beides. Oder sogar intellektuell, z.B. wenn die zeitliche Distanz zwischen Kunstwerk und Rezipienten so groß geworden ist, dass es jene beiden Zwecke zunehmen weniger erfüllen kann. Gibt es hier jemand, den die Texte der Arien der Bachschen Oratorien ästhetisch oder inhaltlich ansprechen? Mich auch nicht. Aber wenn man sie in den Kontext der zeitgenössischen Rhetorik und Theologie stellt, werden sie auf einmal hochinteressant.
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