Er schrieb: bei stimmführung lernen
Damit war doch ganz offensichtlich nicht gemeint, dass
@GeneralBass eigene Sätze schreiben will, sondern ganz einfach horizontales Hören und die pianistische Umsetzung unabhängiger Stimmen üben möchte.
Wegen der Harmonik allein sind diese Choräle nicht berühmt geworden.
Doch, durchaus.
Exakt die Schönheit der Mittelstimmen als beinahe eigenständige "Melodien" wurde gerühmt und zu einer grundlegenden Eigenschaft von Polyphonie erklärt.
Durchgänge, Wechselnoten und hin und wieder Vorhalte machen aus einem Choralsatz noch keine Polyphonie. Natürlich sind die Grenzen nicht messerscharf, aber ganz klar sind die Choralsätze von der vorgegebenen Melodie und der sich daraus ergebenden Kadenzierungen bestimmt. Die Mittelstimmen sind eben nicht gleichberechtigt wie in "echter" Polyphonie, sondern ordnen sich unter. Ein Indiz dafür ist auch, dass Bach in den Mittelstimmen bedenkenlos von Leittönen abspringt - was er beispielsweise in polyphonen Sätzen meist vermeidet.
Vergleiche einen Choralsatz mal mit dem Eingangssatz von Kanate 62 ("Nun komm der Heiden Heiland"), der auch auf einem Choral basiert, diesen aber in völliger Freiheit durch alle Stimmen führt.
Es sind keine Kantionalsätze mehr, die wirklich plan homophon wären
Habe ich auch nie behauptet.
Unerfahrene denken sich dann, man müsse stimmenkorrekt die Daumen kreuzen oder Dezimen greifen (und dann noch stimmig artikulieren).
So ein Unfug. Absolute Anfänger denken das vielleicht, aber die haben nicht die Kunst der Fuge auf dem Zettel.
Ich blättere gerade durch die ersten paar Seiten des Breitkopf-Scans aus IMSLP. Ständig Dezimen links, auch gerne parallel Dezimen, sowieso ewiges Umgreifen. Und dann soll man auf dem Klavier noch stimmig spielen, also (halbwegs) legato.
Der Ambitus eines vierstimmigen Choralsatzes ist naturgemäß begrenzt, und aus Stimmführungsgründen treten größere Intervalle höchsten zwischen Bass und Tenor auf. An den wenigen Stellen, an denen zwischen diesen beiden Stimmen die Oktave überschritten wird, kann man sehr oft den Tenor rechts bequem greifen. Wo das nicht geht, kommen maximal Dezimen vor - die können viele Pianisten greifen. Wer's nicht kann, spielt die paar Dezimen entweder arpeggiert (sowas kommt in der Klavierliteratur eh oft genug vor) oder oktaviert den Bass, was dem Satz keinen großen Schaden hinzufügt.
In den ersten 5 Chorälen des Breitkopf-Scans habe keine einzige Stelle gefunden, die ich nicht bequem greifen kann. Ob das für
@GeneralBass auch gilt, weiß ich natürlich nicht, aber mit den erwähnten Tricks wird es jeder schaffen, der eine Oktave greifen kann.
"Seid froh dieweil" aus dem Weihnachtsoratorium (Schlusschor der 3. Kantate) finde ich furchtbar schwer zu spielen,
Mein Mitleid hast du. Ich kann das mühelos vom Blatt spielen. Sogar aus vier Systemen in alten Schlüsseln.
Was genau soll man denn da lernen, wenn es nicht die Stimmführung ist? Fingersatzbasteln ist an anderen Kompositionsgattungen deutlich sinnvoller als ausgerechnet an Chorsätzen. Irgendwie sind die Choräle in dieser Hinsicht wie der Hanon für polyphones Spiel, also völlig sinnlos.
Was man z.B. lernen kann, ist das Verteilen einer Stimme zwischen rechter und linker Hand. Muss man bei den Chorälen mit der Tenorstimme machen, und das ist schon mal eine sinnvolle Vorübung für das Spielen polyphoner Strukturen - in der Kunst der Fuge ist das sinnvolle Aufteilen eine nicht unerhebliche Schwierigkeit, und wenn man das an den vergleichsweise einfachen Chorälen schon geübt hat, schadet es gewiss nicht. Auch das horizontale Hören der einzelnen Stimmen kann man üben - z.B., indem man jeweils drei Stimmen spielt und die vierte singt. Das kann man auch bei Fugen tun, aber in komplexen polyphonen Strukturen ist das viel schwieriger.
Also, ich weiß ja nicht, was das jetzt alles sollte. Ich hoffe, die Hände von @GeneralBass bleiben heil.
Davon gehe ich aus. Man muss sich schon unvorstellbar ungeschickt anstellen, wenn man sich damit die Hände ruinieren will.