The "Post-Text Future"

Dieses Thema im Forum "Plauderecke" wurde erstellt von dilettant, 10. Feb. 2018.

  1. dilettant
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    dilettant

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    Hallo liebe Foristi,

    ich wollte das erst unter "kürzlich gelesen" posten. Aber vielleicht gibt es ja Gedanken von Euch zum Thema, drum habe ich mich für einen eigenen Faden entschieden. Ich finde folgende Rubrik der New York Times interessant, weil sie ein Phänomen thematisiert, das ich für sehr real und unaufhaltsam halte, das mich aber zugleich erschreckt:


    Es geht um den Trend, dass Multimedia-Inhalte das geschriebene Wort verdrängen.

    Der Trend ist wohl unaufhaltsam, das sehe ich schon daran, dass meine Kinder mir lieber Sprachnachrichten über WhatsApp schicken, als zu tippen. Sie konsumieren YouTube, und dort u. a. auch sogenannte vlogs, also Video Blogs. Aus meiner Perspektive, also der eine eines alten weißen Mannes, sind vlogs banale Home-Videos, in denen sogenannte Influencer ihre Follower an ihren täglichen Verrichtungen teilhaben lassen, wobei diese Personen gerade deshalb als Influencer gelten, weil sie ihr Leben per vlog in die Welt rausposaunen.

    Ich finde den Trend erschreckend, weil das geschriebene Wort als Kulturtechnik nicht nur eine Krücke ist aus Zeiten, in denen es kein Multimedia gab. Das geschriebene Wort ist von den Zwängen der Echtzeit befreit, es gestattet ein Nachdenken über Formulierungen, über Proportionen und Gewichtungen, oder über die Relevanz eines Themas überhaupt. Im Grunde gestattet es zudem, über Typografie die Rezeption zusätzlich zu unterstützen. Es gestattet dem Konsumenten, wahlweise "diagonal" oder gründlich zu lesen, bei Bedarf zurückzublättern, etc. Ganz abgesehen davon lässt sich das geschriebene Wort in Ruhe überall konsumieren, z. B. in der S-Bahn. Podcasts und Videos gehen auch, ja, wenn man alle anderen sozialen Regeln ohnehin längst über Bord geworfen hat. All das wird leider ohnehin in Zeiten von SMS bzw. WhatsApp nicht mehr geschätzt, deshalb ist der Umstieg auf Multimedia unter Qualitätsaspekten auch schon fast egal.

    Hängt mein Skeptizismus mit dem Alter zusammen, oder verarmt unsere Kommunikation tatsächlich?

    Neugierig und nachdenklich
    - Karsten
     
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  2. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    Nun, alles was Du als Vorteil des geschriebenen Worts siehst, gibt es auch z.B. bei Vlogs.
    Ich sehe das eher positiv: Durch die neue Technik verarmt unsere Kommunikation nicht, sie wird bereichert.

    Btw., Vlogs dienen nicht der Kommunikation sondern der Unterhaltung und Selbstdarstellung. Da gibt es keine Unterschiede zum altehrwürdigen TV.
     
  3. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    Ach was mir noch zur Verdrängung des geschriebenen Wortes einfällt: Ich mache genau gegenteilige Beobachtungen. Jüngere Menschen in meinem Umfeld sind nur noch am Schreiben statt zu sprechen. Es ist üblich, nicht mehr zu telefonieren sondern zu schreiben, warum auch immer. Immer wieder frage ich (weil mir das stundenlange Getippel selbst beim Zuschauen schon auf den Keks geht) "warum telefoniert ihr nicht einfach? Redet doch miteinander!" "Ach, schreiben ist doch viel cooler.".
     
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  4. dilettant
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    dilettant

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    Stimmt. Es ist ein neues, ein zusätzliches Kommunikationsmittel und als solches eine Bereicherung.

    Jedenfalls, wenn es gut gemacht ist, und in der Tat gibt es einige YouTuber, die erstaunlich professionell arbeiten. Bei banalen Inhalten ist es ohnehin Wurscht, ob sie als Text oder Video daherkommen, und interessante Inhalte sind natürlich auch in (gut gemachtem!) Multimedia interessant, oder sogar interessanter.

    Bedauerlich finde ich aber, wenn Multimedia das geschriebene Wort verdrängt, obwohl das nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie ja irgendwie auch unvermeidlich ist. Gar beängstigend finde ich, wenn Autoren meinen, es sei einfacher, in eine Kamera zu labern, als sich schriftlich zu äußern, bzw. wenn Konsumenten meinen, ein Video sei halt bequemer anzuschauen (berieseln!), als sich mit Lesen abzumühen. Meine eigene Erfahrung sagt mir, dass Multimedia-Inhalte eigentlich viel mehr Aufwand verlangen als Texte.

    Die leichte Verfügbarkeit von Multimedia-Werkzeugen beschleunigt also den Verfall qualitativer Standards, wie übrigens die Verfügbarkeit von Schreibprogrammen und das frühe Internet den Verfall von Typografie und Schriftsprache eingeleitet haben. Vielleicht - und das wäre ein Lichtblick - ist es aber nur ein relativer Verfall derart, dass es nach wie vor hochwertige Inhalte gibt und dass einfach das Gesamtvolumen an Inhalten so massiv zugenommen hat und jede noch so schlechte Publikation ihren Weg in die Öffentlichkeit findet. Demokratisierung und Qualitätsverlust gehen vielleicht Hand in Hand.

    Übrigens scheint das Web doch zu vergessen. Vor vielen, vielen Jahren gab es mal einen Publizisten namens David Siegel, der betrieb eine Website "The balkanization of the Web", die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzte. Die Website ist weg, es gibt offenbar einen Essay mit gleichem Titel, wo ich aber nicht verstehe, wie man diesen beziehen kann.
     
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  5. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Ich bin aus der Generation, die ihre Schulzeit gerade noch so ohne Handy bzw. Smartphone verbracht hat - und ich bin dafür wirklich unendlich dankbar. Das erste Smartphone hatte ich mit etwa 20, das fällt noch in die späte Jugend :-D

    Meiner Meinung nach ist die Sorge über den Rückgang des geschriebenen Worts so ähnlich wie die Sorge die (vermutlich) aufkam, als das Radio erfunden wurde - "wer wird da noch Bücher lesen?" oder der Fernseher "wer wird da noch ins Theater / Kino gehen?" und so weiter. Die Welt entwickelt sich und neue Dinge tauchen auf. Das, was Substanz hat, wird bleiben - und die Essenz wird stärker hervortreten und geschätzt werden.

    Das, was früher nur zwangsweise schriftlich ausgetauscht wurde, kann nun endlich mündlich in Sprachnachrichten mitgeteilt werden - nicht, weil die Schrift vergessen wird, sondern weil diese Art der Nachricht schon immer eher eine mündliche war, nur früher gab es dieses Medium des portablen Anrufbeantworters eben nicht.


    Sich in Echtzeit längere Sprachnachrichten zu schicken wie im Chat ist eine neue Form der Kommunikation, die interessant ist: Man kann sich gegenseitig nicht unterbrechen, kann auch längere Gedanken formulieren ohne ständig zu fragen "bist du noch dran", man kann nach dem Abhören erst einmal überlegen, was man antworten möchte.
    Der Chat hat den Vorteil, dass er weniger verbindlich und vereinnahmend ist. Man kann währenddessen noch etwas anderes machen oder traut sich Dinge zu schreiben, die man nicht sagen würde.
    E-Mails kann man in Ruhe überlegen, umformulieren, später nachlesen.
    Anrufen ist unmittelbar, persönlich und emotionaler, da man die Stimme hört.
    Treffen ist am nahbarsten.

    So wie es heute noch Tageszeitungen gibt trotz Radio, Fernsehen und Internet, so wie es noch Schallplatten und CDs gibt trotz Streaming, und so wie es noch das Kino und Theater gibt trotz Netflix, wird auch das geschriebene Wort bleiben. Und zwar da, wo es hingehört.

    Meine Meinung. In einem Online-Forum, das auch seinen ganz speziellen Reiz hat (vor allem, wenn man sich hin und wieder in echt begegnet... )
     
  6. Barratt
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    Barratt Lernend Mod

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    Der von mir geschätzte Manfred Spitzer führt einen veritablen Feldzug gegen die Digitalisierung des Lebens von KINDERN.

    Für uns alle, die wir im analogen Zeitalter aufgewachsen sind, ist das alles ein Segen. Wirklich, ein Segen. WIR mussten früher noch Streifzüge durch Bibliotheken führen, mühsam und über Jahre Einzelinformationen zusammensuchen, monatelang auf die Fernleihe warten oder auf Bestellungen aus dem Ausland (a-ben-teu-er-lich). Unsereins begreift das Internet als eine Art ultrakompakte Heimbibliothek. Bibliothek = TEXTE. Lange und komplexe Texte. Für unsereins ist das Internet eine Ergänzung. Mit "Multimedia" können wir schon fast nix anfangen, ich mag nix vorgekaut bekommen.

    Weniger segensreich ist es, wenn Kinder bereits so aufwachsen und nichts anderes kennenlernen. Wenn sie von Anfang an nie genötigt wurden, die Mühsal des Wissenserwerbs und die dazu gehörigen Methoden zu erlernen.

    Bei uns gab es in einem Diktat bei einem einzigen Schreibfehler schon keine Eins mehr und bei zwei Fehlern eine Drei. Diese Schande! Ich hatte ein einziges Mal in meiner gesamten Schullaufbahn eine Drei in einer Deutscharbeit, und das war so traumatisch, dass ich mich bis heute an die beiden Fehler erinnern kann ("und" mit t hinten, wie man es ja auch spricht, und bei "Blaukraut" das l vergessen). Heutzutage wird in den Grundschulen "Schreiben nach Gehör" vermittelt. Mit dem Ergebnis, dass man (im Internet, sonst kommt man mit dieser Generation ja nicht in schriftlichen Kontakt) allein von der Schreibweise auf das Alter des Autors rückschließen kann. Die Schreib- und Lesekompetenz der Grundschulabgänger sei unterirdisch, ein Fünftel verlasse die Grundschule, ohne deren Bildungsziel erreicht zu haben.

    Werden diese Personen sich künftig mühsam durch Texte quälen? Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Sie werden abhängig davon bleiben, was irgendein hoffentlich redlicher Influencer absondert (der bei aller Redlichkeit selbstverständlich trotzdem sachlichen Irrtümern aufsitzen kann).

    Ich halte diese Entwicklung für nichts weniger als eine Gefahr für die Demokratie.

    Wissen und Können ist Macht. Wissen und Können erwirbt man ausschließlich durch eigenes Interesse, Fleiß und Investition in Lebenszeit. Deshalb werden die Unwissenden auch immer die Machtlosen sein. Wie zutiefst antiemanzipatorisch!!!

    Aber es geht noch viel weiter. Die Persönlichkeiten verkümmern und degenerieren. Es wird immer Menschen geben, deren Wissensdurst und Fleiß keine Grenzen kennt. Die anderen werden umso abgehängter sein, sie werden das spüren und das Gefühl von Frust und Kontingenz wird sie nicht zu freundlicheren und souveräneren Individuen machen, im Gegenteil. Die gesellschaftliche und im engeren Sinne soziale Spaltung wird sich vertiefen. Obwohl es immer mehr Abiturienten und Bätschelers gibt. Handwerkbetriebe nehmen mittlerweile mit Vorliebe Abiturienten in Ausbildung, weil die wenigstens noch ausbildungsfähig sind. Die Kehrseite: Die anderen sind es nämlich (oft) NICHT. Sobald es mühsam wird, schmeißen die (oft) hin. Schuld sind natürlich die Anderen.

    Das ist eine Katastrophe. "Die Politik" reagiert darauf, es den Kindern immer leichter machen zu wollen, und das ist präzise das Gegenteil von wertschätzender Pädagogik. Wertschätzende Pädagogik hat die Emanzipation des Individuums im Fokus. Emanzipation sowie Selbstwerdung erfordern grundsätzlich Fleiß und Mühe.

    In unserem Zeitalter, wo man via Internet NIEDRIGSCHWELLIG und (meistens) GRATIS Zugriff auf das Wissen der Welt bekommt, ohne sich einen Zentimeter vom Schreibtisch wegbewegen zu müssen, wächst gleichzeitig in den am meisten entwickelten Ländern der Welt ein Bildungsprekariat. Das ist Wahnsinn.

    Mir tut jeder Mensch von Herzen leid, der nach dem Jahr +/- 2000 geboren wurde. Die werden mit den Fährnissen einer bildungs- und charakterverrohten Gesellschaft kämpfen müssen...
     
  7. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    Amen! ;-)

    Das war früher auch nicht anders. Dass das heutige Bildungssystem so ziemlich vermurkst ist, darüber brauchen wir nicht reden. Aber auch hierfür kann man "Multimedia" nicht verantwortlich machen. Im Gegenteil: Das würde sich für eine gute Bildung hervorragend einsetzen lassen. Hier versagen seit Jahrzehnten die Politiker aller Parteien.
    Ich finde es immer wieder verstörend, wenn eine Technik dafür verantwortlich gemacht wird, wenn etwas in der Gesellschaft nicht klappt. Die Technik kann niemals der Grund sein; es ist die Gesellschaft selbst, die falsch damit umgeht. Und, @Barratt , die "Verdummung" wurde auch dem Fernsehen und Radio nachgesagt. Das war immerhin zu unserer Zeit. Schätzt Du es genau so als Segen für die Generationen vor uns ein, die so was noch nicht hatten?

    Das ist wohl richtig und Bill Gates hat, ich glaube 95?, bereits vor einer Dreiklassengesellschaft gewarnt und gepredigt, dass man schon jetzt (95!!!) die Gesellschaft auf das Informationszeitalter anpassen muss, sonst spaltet sich die Gesellschaft recht schnell in die, die Arbeit haben und Zugang zu Information, die die keine Arbeit haben aber Zugang zu Information und die die Beides nicht haben. Bereits damals sprach er schon von Dingen wie Mindestlohn, weltweit kostenlosen Zugang zu Informationen (kostenloses Internet) und dadurch das überhaupt wichtigste:eine gute Bildung für alle.
     
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  8. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Ich lenke mal den Blick auf meine Signatur. Dazu passt auch, was Rilke in seinen Briefen an Kappus über "Das Schwere" schreibt.
    Mir wird das immer mehr bewusst: Die Freude resultiert auch aus der Anstrengung. Fehlt dieser Teil der Freude, fehlt dem Menschen etwas, das ihn auf sehr tiefer Ebene unglücklich und unzufrieden macht, ohne dass er weiß, warum. Er sucht dann nach mehr schnellem Glück - wo das hinführen kann, ist bekannt.
     
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  9. Tastenscherge
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    Tastenscherge

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    Ich glaube, Diktate werden in Schulen heute gar nicht mehr geschrieben. Wäre vermutlich diskriminierend gegenüber den Schwächeren, die das nicht so gut können. Ist bei Schreiben nach Gehör ja eh egal. Von daher: jetzt mal alle zum Diktat. Hefte raus! Und los geht´s :

    Der Staat Liechtenstein liefert in rhythmischen Abständen Grieß, Mayonnaise, Meerrettich, Schlämmkreide und Pappplatten sowie Medikamente gegen Halskatarrh und Hämorrhoiden nummeriert und in Stanniol verpackt an Libyen und Hawaii.
     
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  10. .marcus.
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    .marcus.

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    @dilettant: Mich erinnert dein Beitrag an meinen Versuch, als ich noch nebenher Nachhilfe gegeben habe, zwei Siebtklässlerinnen das Wörterbuch (dt./engl.;engl./dt.) nahezubringen. Erste Frage: Warum können wir nicht den Google Translator benutzen?? Das geht doch viiiel schneller! Ich ließ mich nicht erweichen und habe ihnen gezeigt, wie das geht. Mich hat dabei nicht so sehr schockiert, dass sie es noch nicht konnten (z.B. ist es schon ein guter Anfang, wenn man in der richtigen Hälfte des Wörterbuchs sucht), sondern dass sie durch die digitalen Medien in ihrer Aufmerksamkeitsspanne so konditioniert waren, dass das Suchen im Wörterbuch für sie "eine Ewigkeit" dauert.

    Insgesamt habe ich es aber auch kritisch gesehen, dass in unserer heutigen multikulturellen Gesellschaft, in der Menschen mit den verschiedensten kulturellen Hintergründen leben, der Unterricht auf Muttersprachler ausgerichtet ist. Das ist ein echtes strukturelles Problem. Wer Sprachen unterrichtet hat, weiß, dass Lehrmaterial für Deutsch als Fremdsprache anderes ist und sein muss, als für Muttersprachler, die Deutschunterricht kriegen. Insgesamt habe ich das Sprachenlernen da als wirklich erbarmungslos und frustrierend erlebt, denn die absolute Fehlerfreiheit z.B. im Diktat fällt schon Muttersprachlern nicht ganz leicht, für Nicht-Muttersprachler ist es so gut wie unmöglich.

    lg marcus
     
  11. dilettant
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    dilettant

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    Ooops. Ich dachte, ich bin immer derjenige, der Endzeitstimmung verbreitet. Nein, ganz so schlimm sehe ich es gar nicht, und wie @Peter schreibt ist "Multimedia" natürlich auch eine Bereicherung der Kommunikationsmöglichkeiten.

    Prinzipiell finde ich Chat (wie z. B. WhatsApp oder früher auch Yahoo Messenger) sinnvoll. Wie Du sagst, ist es direkter als Mail und weniger intrusiv wie als ein Anruf. Ich persönlich lehne aber Sprachnachrichten ab und bevorzuge auch auch im Chat das geschriebene Wort. Auf Arbeit und in der Bahn will ich keine Sprachnachrichten abhören.
    Macht aber kaum jemand. Prinzipiell könnte die E-Mail der Nachfolger des guten alten Briefs sein. In diesem Sinne wird sie aber wenig benutzt. Na gut, Briefe wurden vermutlich in der Vergangenheit auch nicht sooo viele geschrieben. Um Kontakt zu halten, hatte m. E. schon das Telefon den Brief vielfach verdrängt. Ich selbst habe z. B. meinen Eltern bestimmt seit 30 Jahren keinen Brief geschrieben. Ich rufe einfach regelmäßig an. Das ist eigentlich schade, weil keine Artefakte zurückbleiben. Aber jedenfalls kann das Internet hier nix für.
    Da steht man auf verlorenem Posten.
    Schwierig zu beurteilen. Sichtweise A) Warum soll man den mühsamen Wissenserwerb noch üben, wenn es doch überall den mühelosen Wissenserwerb gibt? Man erinnere sich an die Diskussionen zum Einsatz von Taschenrechnern in der Schule. Sichtweise B) Ja, der Wissenserwerb beschränkt sich zu oft auf das Nachlesen bei Wikipedia, das seinerseits ebenfalls der Balkanisierung unterliegt. Obzwar oftmals wirklich gut, ist ein gesundes Misstrauen gegenüber Wikipedia doch angemessen. Es sollte nicht einfach das gleiche Vertrauen genießen, wie eine Lexikon-Redaktion. Und ja, wenn mein Sohn für die Schule was recherchieren soll, nutzt er ausschließlich Wikipedia. Er schaut nicht mal in sein Lehrbuch des entsprechenden Fachs. Ich versuche, gegenzusteuern, aber wie gesagt: Enfant Perdu.
    Naja, vor dem Internet haben diese Menschen halt die BILD konsumiert (wenn überhaupt) bzw. sich am Stammtisch informiert. Es ist schwer zu sagen, ob wirklich weniger Menschen des Lesens mächtig sind, oder ob sie nur mehr auffallen.
    Ja, das klingt plausibel: Die "Wissensschere" geht genauso immer weiter auf, wie die vielgescholtene Einkommensschere. Wenn allerdings die Skala des möglichen Wissens bzw. Einkommens nach oben immer weiter wächst, und einige, warum auch immer, unten verharren, passiert das zwangsläufig.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Feb. 2018
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  12. espresso
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    espresso

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    Eine sehr interessante Frage. Ich habe sie schon heute Morgen gelesen und eigentlich den ganzen Tag darüber nachgedacht.

    Ich habe 3 Kinder. zwei davon nach 2000 geboren. Folgendes muss ich feststellen:

    · ja, Sprachnachrichten sind furchtbar und lästig. Wer mag schon versuchen den offensichtlich ungeordneten Gedanken von Teeangern zu folgen? Das gelingt ihnen offensichtlich oft selber nicht

    · oft werden um einen einfachen Sachverhalt (gehen wir heute Abend ins Kino?) so viele WhatsApp und Sprachnachrichten verschickt, so lange dauert der Film gar nicht. Warum in diesem Fall nicht einfach zum Telefon, womöglich sogar zum FESTNETZ gegriffen wird ist mir unbegreiflich. Die Absprache wäre in 2 min erledigt. Aber der Gedanke scheint so abwegig wie trommeln zu sein.

    · Eine persönliche Nachricht, eine direkt und persönlich an einen adressierten Brief oder E-Mail, können so wertvoll wie ein Schatz sein.

    d.h. Kinder haben durchaus ein Gefühl für den Wert einer Nachricht die nur ihnen gilt und für die sich Zeit genommen wurde. Das habe ich in Ferienfreizeiten und div. auch längeren Schulauslandsaufenthalten feststellen können. Meine Tochter bewahrt unsere Korrespondenz, die wir während einem 3 monatigen Frankreichaufenthalt geführt haben auf wie einen Schatz. Genauso die BRIEFE, die sie in der Zeit von ihren 2 Freundinnen erhalten hat. Natürlich hatten wir auch WhatsApp Kontakt, aber das war offensichtlich eine ganz andere Ebene.

    Mein Sohn war ein Jahr in Irland. Gegen Ende des Aufenthaltes hat er engen Freunden und nahen Verwandten jeweils einen Brief geschrieben. Sich schriftlich auszudrücken fällt ihm sehr schwer und das hat ihn ein ganzes Stück Arbeit gekostet. Trotzdem war es ihm offensichtlich wichtig. Ich weiß von einem dieser Briefe an einen Freund, dass auch dieser wie ein Schatz unter der Matratze gehütet wird.


    So, jetzt habe ich euch hier zugemüllt. Aber ich glaube nicht dass unsere Kommunikation ärmer wird. Kinder müssen nur diese „andere Art der Kommunikation" kennen lernen und selber erfahren
     
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  13. fisherman
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    fisherman

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    @ Barratt, Du hast die entscheidenden Punkte markiert: Niedrigschwellig, gratis. Ohne Mühe...
    Aber der Wunsch genau danach dürfte so alt wie die Menschheit sein. Der Bauer, der einst die Sichel schwang, war über Traktor nebst Mähwerk bestimmt nicht traurig. Und auch mich freue mich (meist) darüber, dass ein Flug in die Karibik nicht mehr 3.000,- DM, sondern 400,- € kostet.

    Der Unterschied liegt für mich darin, dass dies heute ERWARTET, ja sogar als Recht eingeklagt wird.

    Aber auch das kann man nicht den "neuen Medien" anlasten, sondern muss die Ursachen woanders - in allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen - suchen. So hatte ich z.B. zu analogen Zeiten einst einen Disput mit einem Mitarbeiter, der partout nicht verstehen wollte, dass es nur ein "Null-Fehler-Postulat" geben kann und dass bei dem geforderten Zugeständnis einer 10% -Fehlerquote er ratzfatz 20% Ausschuss produzieren würde ...

    1950 wäre diese Forderung nicht artikuliert, vermutlich nicht mal gedacht worden.

    Alles nicht schön, aber menschlich. Und vermutlich unabhängig von neuen technischen Entwicklungen.
     
  14. fisherman
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    fisherman

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    20.001
    Haste nicht. Sondern nebenbei schön aufgezeigt, wie individuell eben Menschen sind. Unsere Tochter #1 hat unsere gesamte Mailkorrespondenz während Ihres Highschool-Jahres zu einem dicken Wälzer binden lassen. Tochter #2 hat "nur" telefoniert. Aber letztere hat diese Zeit im Kopf, und die Wort-Details sind ihr nicht wichtig - eher die gesamte Stimmungslage. Das reicht ihr, während Tochter #1 das einzelne Wort, den einzelnen Satz braucht, um diese Zeit FÜR SICH angemessen zu memorieren.

    Menschen sind wie Klaviere. Jeder/Jedes ist ein Unikat. Ist das nicht schön?
     
  15. dilettant
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    dilettant

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    Ich nur zwei. Reicht aber auch.
    Ja. Und die erste WhatsApp wird nicht etwa am Vortag verschickt, wenn alle noch frei sind, sondern 30 Minuten vor Beginn des Films ...

    Aber Dein (unser!) Unverständnis für dieses Verhalten muss auch nicht zwingend mit der Digitalisierung zu tun haben. Irgendwie ist es auch einfach die zeitgemäße Variante des ewigen Generationskonflikts (und zwar in der erschwerten Version Erwachsene vs. Pubertierende).

    Danke für diese Erzählung. Brief vs. Telefon hat sicher auch mit Individualität zu tun.

    * * * * *​

    Ich komme zurück auf die eingangs verlinkte NYT. Dort wird u. a. auch das Phänomen des Meme thematisiert, also eines Aufmacherfotos mit (wenig!) Text, das sich (vermeintlich) leicht erfassen und (definitiv) leicht teilen lässt. Das ist gegenüber der Faulheit, einen Text einzutippen, noch eine ganz andere Nummer. Die so verteilten, extrem verkürzten Aussagen von häufig zweifelhafter Herkunft werden kaum hinterfragt, verbreiten sich dafür um so schneller. Es ist letztlich die balkanisierte (demokratisierte!?) Bildzeitung: Jeder kann mitmachen, im Guten wie im Bösen. Durch die Verteilung ausschließlich über Soziale Medien lässt sich nix nachvollziehen. Vertrauen in den Absender hilft nicht, denn die Kette der weiterleitenden ist zu lang und nur so vertrauenswürdig, wie ihr schwächstes Glied.
     
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  16. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    ???
    Das ist doch alleine im heutigen Geschäftsleben Normalität? Mit meinen Kunden, Händlern, Steuerberater und selbst Ämtern geschieht der Schriftverkehr mittlerweile zu 80% über Email. Aber auch Hotelbuchung, Flug, Mietauto.... und gerade das geordnete Archivieren zum späteren Nachlesen ist doch einer der größten Vorteile der Email. Email macht 50% meines "Büros" aus.

    Ja, das ist wirklich eine Unsitte (also die ungeprüfte Verbreitung von (Fehl)informationen), gibt es aber vom Prinzip her auch schon ewig und wurde von den "alten Medien" schon zu oft vorgemacht. Der Unterschied heute ist, dass die Technik, ungeprüft (Fehl)Informationen zu verbreiten, nicht mehr ausschließlich den großen Medien vorbehalten ist und dadurch natürlich die Häufigkeit zunimmt.

    Hihi, ja genau das meinte ich. Da ich öfter mit Studenten arbeite, muss ich mich zum Teil wohl oder übel dieser Sitte beugen. Das geht schon so weit, dass manchmal Anrufe nicht angenommen werden sondern ich direkt nach dem Klingeln eine Whatsapp erhalte "gibt´s was"? "ja, morgen Arbeit, haste Zeit" "ja klar wann und wo?" "lass uns telefonieren" "ja kann aber grad net"...
    Insofern sehe ich die Zukunft des geschriebenen Wortes recht optimistisch :-D
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 13. Feb. 2018
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  17. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Als Schüler mussten wir das Oxford English Dictionary benutzen, englische Wörter werden in englischer Sprache definiert. Das war äußerst hilfreich für das Erlernen der Sprache, aber wenn ich mich richtig erinnere, haben wir ziemlich gemault.

    Heutzutage finde ich den Google Translater genial. Wir habe sehr viele syrische Patienten und nutzen ihn, wenn unsere Azubi (Marokkanerin) in der Schule ist.

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  18. Barratt
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    Barratt Lernend Mod

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    Selbstverständlich nicht. Wieso auch. Das ist eine technische Möglichkeit, Infos zu publizieren. Grundsätzlich also positiv.
    Selbstverständlich, ja. Und die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern ebenso. Alles ist "von Segen", was Menschen verbindet und Information transportiert.
    HIER liegt doch die Flinte im Pfeffer begraben. Kinder werden künftig von Beginn ihrer Bildungskarriere darauf konditioniert, dass alles schnell und easy gehen muss.

    Du sagst es. Es ist unser prähumanes evolutionäres Erbe, das da gefördert wird. Der Weg des allergeringsten Widerstands. Es ist die "Not", die das Individuum vorwärts treibt, um sich seinem animalischen (= lebeweslichen) Zustand zu entraffen. Ich könnte wieder die Evolution bemühen, aber dann heißt es wieder, ich schreibe Romane.

    Deshalb verweise ich kurz unn knaggisch auf @Stilblüte s Beitrag. Das Lebewesliche in uns versackt im mundgerecht dargebotenen Weg des geringsten Widerstands. Das typisch Menschliche braucht den Stachel der Ἀνάγκη , um über das Rein-Lebewesliche hinauszuwachsen. Das kommt nicht von selbst. Der junge Mensch muss LERNEN, das Animalische zu überwinden, sonst verabschieden sich sogar die inneren Schweinehunde. Innere Schweinehunde entstehen nur, wenn man "eigentlich" weiß, dass man sich für ein positives Ziel "eigentlich" anstrengen müsste.

    Das grandiose Gefühl, etwas durch Fleiß, Grips, Anstrengung und gegen Widerstände geschafft zu haben, ist das, was Menschen zufrieden und eins-mit-sich-selbst macht. Dieses Bad in Dopamin und Serotonin macht süchtig. Man muss Kindern die Chance geben, es kennenzulernen.



    P.S. Ich feile seit drei Tagen an zwei Takten. Ich freue mich jetzt schon darauf, dass sie vielleicht heute oder morgen gelingen werden. :super: Es wird sich super anfühlen. :blume:
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Feb. 2018
  19. Stilblüte
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    Stilblüte

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  20. fisherman
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    fisherman

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