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salvete von Etüddelich

Dieses Thema im Forum "Vorstellungsrunde" wurde erstellt von Etüddelich, 27. Juni 2020.

  1. Etüddelich
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    Etüddelich

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    Liebes Forum,

    nach zwei Jahren des Mitlesens, traue ich mich nun doch auch mal mitzuschreiben und mich mal vorzustellen.

    Ich hatte in meiner Kindheit nur wenige Berührungspunkte mit Instrumenten, wohl auch weil mir die Möglichkeiten fehlten und ich bis ungefähr zum 10. Lebensjahr nahezu ausschließlich einer „Musik“ von Patrick Lindner und Richard Clayderman ausgesetzt war. Ich wurde 1988 in der DDR geboren und vermutlich hatten meine Eltern (Frisörin und Lokführer) dann erst mal besseres zu tun als mich in irgendwas zu fördern.

    Mit 30 habe ich dann zufällig Valentina Lisitsa auf youtube die Mondscheinsonate spielen sehen. Den 2. Und 3. Satz kannte ich bis dahin gar nicht. Aber für mich war nach diesem Video klar, dass ich Klavier spielen will und ich ging auch völlig naiv und unwissenhaft daran. Ich kaufte mir ein Schrott-E-Piano Alesis recital mit halbgewichteten Tasten für 200€ und schrieb mir anhand eines Synthesiavideos eine Tastendrückanleitung auf, da ich ja auch nicht Notenlesen konnte. Die obere dritte Stimme hatte ich teilweise auch weggelassen, weil ich gar nicht verstand, wozu sie da war. Und ich spielte natürlich alle Stimmen auf einer Ebene. Zwischendurch las ich mal davon, dass gewichtete Tasten besser sind. Deshalb verkaufte ich das Alesis recital und kaufte ein „hochwertiges“ Roland FP 30 (haha). Nachdem ich den 1. Satz auswendig spielen konnte, ging ich zu einer Probestunde eines Klavierlehrers. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Flügel angefasst habe und dann sollte ich gleich meine Schrottsonate vorspielen. Ich konnte ja nichts anderes. Nicht mal „Alle meine Entchen“. Naja, der Klavierlehrer revolutionierte meine Vorstellungen. Ich solle mir ein richtiges Klavier kaufen und erstmal anfangen Notenlesen zu lernen. Dann kaufte ich ein Kawai K200. Ich hatte mir auch überhaupt keine Gedanken dazu gemacht, dass mein Klavier Nachbarn stören konnte. Mit einem Nachbarn hatte ich besondere Schwierigkeiten. Er klopfte immer wieder gegen die Wand, während ich übte. Dabei hatte ich meine Spielzeiten schon stark eingeschränkt.

    Dann hatte ich in der Saison 18/19 ein Jahr Klavierunterricht. Es begann mit Band 1 Tastenträume von A. Terzibaschitsch, nach 3 Monaten spielte ich Stücke aus dem 3. Band und nach einem halben Jahr begann ich mit dem Album für die Jugend von Robert Schumann. Ich lernte immer mehrere Stücke gleichzeitig. Am Anfang kam ich oft ungefähr so in die Unterrichtsstunde: „Ich hab 16 neue Stücke gelernt. Die musst du dir jetzt alle anhören.“ Mein Musikverständnis wendete sich in dieser Zeit um 180 Grad. Und ich lernte nach und nach die verschiedene Klaviermusik kennen. Besonders hat es mir J.S. Bach angetan. Ich halte ihn für den Isaac Newton der Musik. Anfänglich war ich von Glenn Gould begeistert, dann Friedrich Gulda, aktuell mag ich das wohltemperierte Klavier am liebsten von Andras Schiff. Ich verstand aber auch endlich, dass auch Literatur Kunst ist und nicht nur blödes Rumgelaber, wie ich in der Schule immer dachte.

    Dann passierte etwas extrem Trauriges. Meine wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechterten sich von jetzt auf gleich, ich musste mein Klavier verkaufen und den Klavierunterricht beenden. Wenn ich an den Moment zurückdenke, wo mein Klavier abgeholt wurde, kommen mir immer noch die Tränen. Ein paar Monate später hatte ich das Glück mir ein günstiges gebrauchtes Kawai MP11 zu kaufen. Es ist ein gutes E-Piano mit echten Holztasten etc. aber es ist halt kein Klavier.

    Letztes Jahr im Dezember habe ich aus Jux bei mensa mal einen IQ-Test gemacht und erfahren, dass ich hochbegabt bin. Späterkannt hochbegabt. Kein Wunderkind, weil mein Vater nicht Professor für XY war.

    Ich bin Krankenschwester, wollte ich nie werden, aber meine Eltern sagten mir 2004, dass Informatik keine Zukunft hat. Seit letztem Jahr hole ich das Abitur am Abendgymnasium nach um dann doch noch Informatik studieren zu können. Aber klar ist mir auch, dass ich bis zum Ende des Studiums, also ich rechne jetzt noch mit den nächsten sieben Jahren, weder Klavier/ Flügel noch Klavierunterricht haben werde. Wenn Pianistik keine vollkommen brotlose Kunst wäre, hätte ich auch Interesse an diesem Studium. Aber ich glaube gerade als Späteinsteiger ist das dann noch aussichtsloser.

    Zwischendurch hatte ich ein paar Gelegenheiten ein Klavier zu spielen und habe gemerkt: ein gutes E-Piano ist besser als ein schlechtes Klavier. Ich arbeite bei der Caritas – im Allgemeinen ein guter Arbeitgeber, aber Sparen gehört dort zu den obersten Prinzipien. Wohl auch in der Kirchenmusik und der Ausbildung an Organisten. Ich arbeite mit Wachkomapatienten. Diese erhalten auch Musiktherapie. Von Musiktherapeuten, deren Spiel ich jetzt schon übertreffen kann. Es ist so scheußlich. Ich frage mich, ob diese „Therapeuten“ überhaupt irgendeine musikalische Ausbildung haben.

    Also nach vielen Monaten Eingewöhnungszeit am MP11 und auch vermutlich, weil ich mein Klavier ein bißchen vergessen konnte, habe ich mich nun darauf eingerichtet, am Klavier in den nächsten 7 Jahren ohne Lehrer und Klavier weiterzukommen. Nach dem Heftchen „kleine Präludien und Fughetten“ (ich habe nicht alle Stücke gelernt) stehe ich nun vor der Herausforderung der Aria der Goldbergvariationen (und mir ist bewusst, dass ich die restlichen Stücke wahrscheinlich niemals spielen kann). Ich komme nicht so recht weiter mit Bach, weil ich die komplette Ornamentik selbst lernen muss. Zunächst sind Zeichen in der Aria enthalten, die nicht in Bachs bekannter Tabelle aufgeführt sind und überhaupt muss ich erstmal die Tabelle verstehen. Dann gibt es wohl noch spezielle Techniken um Verzierungen zu spielen, von denen ich keine Ahnung habe. Ganz hilfreich finde ich die Videos von Torsten Eil und Franz Tischer auf youtube – ganz im Gegenteil zu Thomas Forschbach – lerne Klavier in 10min – ja, lerne 5 Tasten zu drücken auf dem Klavier in 10min. Auch sehr hilfreich empfinde ich die Reihe „am Klavier“ vom Henle-Verlag. Da kann ich gut auch mal mit anderen Komponisten in Berührung kommen als Bach, Beethoven und Schumann. Bei Schumann bin ich inzwischen bei den Kinderszenen angelangt und immerhin spiele ich den 1. Und 2. Satz der Mondscheinsonate nach Noten, wobei sich über die Monate hinweg mein Spiel immer wieder musikalisch etwas verbessert, weil ich immer mehr Anweisungen technisch beachten kann. Die Bände des Mikrokosmos von Bartok finde ich auch interessant. Und natürlich war ich tief beeindruckt vom Buch des Carl Phillip Emanuel Bach: Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen.

    Interessehalbe hatte ich mir mal angesehen, was so bei Aufnahmeprüfungen fürs Musikstudium abgefragt wird und habe erkannt, dass ich von diesem Theorieverständnis meilenweit entfernt bin. Also beschäftige ich mich gerade mit Gehörbildung, Harmonieanalysen meiner Spielstücke, was ich teilweise auch im Unterricht hatte, aber danach nicht mehr so verfolgt. Und weil es mich brennend interessiert: die Ornamentik der Klavier- und Orgelwerke von J.S. Bach, sowie alles zum Thema Kontrapunkt und Fugen – wie sie aufgebaut sind und wie man sie komponiert.

    Was mich dann auch noch interessiert, ist die Herstellung von Klavieren, Flügeln, Orgeln etc., wie man sie stimmt und welche physikalische Eigenschaften die Tonerzeugung hat.

    Ich bin mal gespannt, wie weit ich noch kommen werde mit meinem Selbststudium und ob ich vielleicht mal in 20 Jahren das Presto der Mondscheinsonate spielen kann.

    Ich wünsche euch ein schönes Wochenende
    Etüddelich
     
  2. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    :lol:

    Willkommen :-)
    Btw., ich habe auch ein MP11 und bin voll zufrieden.
     
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  3. herr_zog
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    herr_zog

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    Willkommen im Forum! :-)
     
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  4. samea
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    samea

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    Herzlich Willkommen! So schnell wie du lerne ich nicht, ich brauche am Klavier deutlich länger um Fortschritte zu machen. Doch das macht nichts. Nicht jeder kann eine Hochbegabung sein. Versuche auch während des Studiums auf deinem Klavier zu spielen.
     
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  5. altermann
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    altermann

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    Gauf! :017:

    Dolle Vorstellung!
     
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  6. Gernot
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    Gernot

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    Willkommen :-)
     
  7. Stilblüte
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    Stilblüte Super-Moderator Mod

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    Willkommen! In welcher Gegend hältst du dich denn auf?
     
  8. Klafina
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    Klafina

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    Mache erfahren das erst sehr spät im Leben! Hochbegabung hat übrigens nur bedingt mit dem Beruf der Eltern zu tun. Zwar werden Kinder von Akademikern im Schnitt meist sehr gefördert, das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass es keine (hoch)begabten Kinder von Eltern gibt, die nicht studiert haben.

    Ansonsten: wirklich eine interessante Vorstellung!
     
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  9. mberghoefer
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    mberghoefer

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    Wirklich eine interessante und sehr lesenswerte Vorstellung. Willkommen und viel Spaß hier! Mit dem Instrument und der Musik sowieso, aber eben auch hier beim Erfahrungs- und Meinungsaustausch.
    Hier mal meine Meinung zu dem ein oder anderen Punkt in deinem Text: Von IQ-Tests halte ich rein gar nichts, auf deren Ergebnisse würde ich nichts geben. Begabt ist jeder - die Herausforderung ist "bloß" herauszufinden, wofür. Und wenn sich das dann deckt mit einem Bereich, den man mag und für den man sich motivieren kann, dann ist das der Jackpot.
    Wegen Informatik-Studium: ich hab so einen Abschluss einst gemacht, und wie jedes ernsthaft angefangene Fach war das auch interessant und nützlich (und die Zeit als Student eh toll, womöglich aber auch, weil man halt noch blutjung war und in einfach allem viel zu lernen hatte). Später hab ich irgendwann bei ziemlich großen Softwarefirmen Berater, Entwickler, Trainer, Techniker eingestellt. Ob jemand Informatik studiert hatte, und ob/wie so ein Studium abgeschlossen wurde, das interessierte mich nur periphär. Mich interessierte bei Einstellungen viel mehr, wie jemand denkt, wie zugehört und dann Problemlösung betrieben wird. Und wie es mit der Ehrlichkeit steht. Soll heißen: wenn jemand mir beispielsweise sagte, er beherrsche Programmiersprache X, dann hab ich ihn ein kniffliges Problem darin kodieren lassen, auf Papier. Da zeigte sich dann innerhalb von Minuten, ob jemand zuhörte, das Problem wirklich verstand, welche Strategien zur Lösung angewendet wurden, und nicht zuletzt, wie weit es wirklich her war mit den Detailkenntnissen zu X. Wenn das beeindruckte, dann war ein Diplom nicht nötig. Wenn's nicht beeindruckte, rettete ein Diplom auch nichts mehr.
    Ich glaube, das ist gerade bei innovativen IT-Unternehmen/-Abteilungen so, dass so etwas wie "hat studiert" ein Pluspunkt im Lebenslauf ist, der dabei hilft, überhaupt zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Solche Pluspunkte sind aber auch nachgewiesene andere Erfahrungen mit entsprechender Technologie. Ein abgeschlossenes Studium ist zwar tatsächlich bei manchen Unternehmen (und Behörden) Einstellungsvoraussetzung, aber eben nicht bei allen.
     
  10. Etüddelich
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    Etüddelich

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    Vielen Dank für eure Antworten! Ich komme übrigens aus Köln...
     
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  11. thinman
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    thinman

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    hey, auch von mir ein herzliches Willkommen!
    Auch ich "lerne" ohne KL, was meistens echt nervig ist. Allerdings habe ich mich mehr auf das Spielen konzentriert. Eigentlich ausschließlich. Von Harmonielehre etc. keine Spur. Also bin ich DER Tastendrücker. Manchmal tut mir das leid, aber für umfangreiches theoretisches Studium plus Üben habe ich einfach keine Zeit.
     
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