Flügelplatten können durchaus ausgetauscht werden. In der Regel bewahren auch die Hersteller die Modelle auf, bzw. wenn sie nicht selber gießen, dann beschaffen sie Gussplatten mit der Zusatzklausel, dass der Gusshersteller das Modell einzeln bezahlt bekommt plus eine Aufbewahrungspflicht für spätere Reparaturen mit Austausch der Platte unterschreibt - oder aber das Aufbewahren ist im Plattenpreis eingepreist. Es gibt da verschiedene Bezahlmodelle im Umgang zwischen Besteller und Gießereien. Nach heutigen (nicht nur EU-) Spielregeln sind Hauptlieferanten (OEM) oft zu einer Ersatzteilbelieferungsmöglichkeit auf z.B. 10 oder 15 Jahre verpflichtet, und können der nur gerecht werden, wenn auch ihre Unterlieferanten entsprechend kooperativ vergattert werden.
Das Tauschen der Platte ist in Einzelfällen bekannt geworden. Z.B. kippte mal irgendeiner Transport-Crew der Lieblingsflügel von Glenn Gould offenbar von einer Rampe, und hatte einen Riss in der Platte. Die Transporteure leugneten den Fehler gemacht zu haben, daher bezahlte auch keine Versicherung. Verne Edquist, Goulds persönlicher Klaviertechniker, versuchte sich jahrelang an einer Reparatur, aber es half alles nix - der
Flügel* musste zu
Steinway* - und dort versäumte man es offenbar, die sehr spezifischen Eigenschaften des bisherigen Gould-Flügels aufzumessen und in der Neuinstallation wieder so einzurichten - Techniker bauten den Flügel als "Normalen D" wieder auf - und Gould war kreuzunglücklich damit. Irgendwann wechselte er auch zu Yamaha.
Generell sind Gussreparaturen (Schweißen der Platte) schon per se metallurgisch heikel. Schweiß-Elektroden für Guss haben einen hohen Anteil an fluss-förderlichen Fremdmetallen abseits der Guss-Zusammensetzung (vielfach einfacher Grauguss GG25 etc., bei
Steinway* jedoch ein Material abseits des simplen GG, das Theo Steinweg in den frühen 1870er Jahren auf eine ca. doppelte Druckfestigkeit brachte). Schweißer, die sich an Guss versuchen, sind sehr selten, sind selten wirklich dauerhaft erfolgreich. und im Flügelrahmen ist die Schweißerei oft zusätzlich kompliziert, weil der Rahmen unter eine Vorspannung gebracht werden muss, z.B. bei der klassischen Bechstein-Rahmenreparatur. (Ich habe es nicht selbst gesehen, aber ein Schulfreund hatte oftmals mit alten Bechstein-Flügeln und polnischen Restaurateuren zu tun.)
Da ist doch oft einfacher, den Rahmen tutti completti als Neuteil hereinzuheben. Wenn denn greifbar.
Ich selber sitze - beschaffungstechnisch gesehen - auf einer "Flügelrahmen-Zeitbombe", da die Rahmen unseres Flügeltyps "transient" sind, experimentell fast mit jedem Einzelteil derer 424 stück einst peu a peu verändert, verbessert wurden, und diese Prozesse in den späten 1870er Jahren abgefackelt wurden. Um dem zu begegnen, war einst - vor CAD und FEM - noch eine andere Technik ... eingesetzt - das Ding einfach ... auf Verdacht extrem schwer und massiv zu bauen. Daher bin ich überzeugt, dass der Rahmen meines Flügelchens das schwerste Einzelbauteil der gesamten Klaviergeschichte ist. Der Rahmen alleine dürfte weit mehr als 350 Kilo wiegen. Das solle wohl halten … und wenn nicht, muchas problemas.