Noch ein Spätzünder

Dieses Thema im Forum "Vorstellungsrunde" wurde erstellt von Claudio, 1. Juni 2006.

  1. Claudio
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    Claudio

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    Ich habe während der letzten paar Wochen in diesem Forum mitgelesen und schon viel dabei gelernt. Nachdem sich anscheinend fast alle Neumitglieder hier brav vorstellen, will ich mich dieser Sitte anschliessen und ebensolches für mich tun:

    Ich bin auch ein Spätberufener (werde dieses Jahr 36). Ende Februar habe ich mir ein Yamaha CLP-280PE zugelegt (schön schwarz lackiert). Natürlich hätte ich noch viel lieber ein richtiges akustisches Klavier gekauft, aber da sich die Leute in meinem Wohnhaus schon ärgern, wenn ich durch die Wohnung gehe, hätten sie sich über plumpe Tonleiterübungen sicherlich nicht mehr gefreut. Das Clavinova kann ich friedlich über Kopfhörer spielen und, wenn ich mich zwischendurch ganz mutig fühle, auch mal über die Lautsprecher, was mir übrigens mehr Spass macht. Ganz neu in der Musik bin ich nicht. Zuvor habe ich Gitarre und Bass gespielt (akustisch und elektrisch). Auch auf dem Saxophon habe ich mich schon versucht, aber die markerschütternden Schiffshornklänge waren nicht nach dem Geschmack meiner Mitbewohner und ich habe mich dann dementsprechend gehemmt gefühlt, was gerade bei einem Blasinstrument überhaupt nicht gut kommt. Während der letzten fünfzehn Jahre habe ich aber, vom hälbjährlichen Entstauben der Gitarre abgesehen, kein Instrument mehr in Händen gehalten. Nach Noten habe ich auch nie gespielt. Die konnte ich zwar knapp entziffern (wenigstens im Violinschlüssel), aber ab Blatt spielen habe ich nie probiert. Dementsprechend unsicher war ich, ob das mit dem Klavierspiel im fortgeschrittenen Alter überhaupt noch was wird. Als erstes habe ich mir dann einen dicken Notenband mit Bachs Inventionen und Sinfonien gekauft. Daraus habe ich jeden Tag, quer durch alle Tonarten, Noten gelesen. Möglichst im Takt. Das hört sich vermutlich ziemlich langweilig an, aber ich habe damit recht schnell Fortschritte gemacht und kann jetzt Noten im Bereich C (grosse Oktave) bis c’’’ und ein paar darunter und darüber ganz ordentlich lesen und auf dem Klavier spielen, ohne nachdenken zu müssen.

    Unterdessen spiele ich seit drei Monaten und habe schon einige Fortschritte gemacht. Zur Zeit spiele ich die Sonatine Op. 20, Nr. 1 von Friedrich Kuhlau (Allegro und Andante) und eine Sonatine in G-Dur von Beethoven (eine Werkangabe habe ich nicht). Von Bach habe ich mit der Inventio 1 begonnen, habe jedoch in den Takten 11–14 noch Probleme, wenn ich zweihändig von Blatt spiele. Überhaupt wird mein Spiel viel musikalischer und runder, wenn ich mir die Mühe mache, ein Stück auswendig zu lernen. Beim Blattspiel muss ich mich derart stark auf die Noten konzentrieren und ständig mit den Gedanken zwischen Bass- und Violinschlüssel hin- und herspringen, dass öfters einmal eine leichte Rauchentwicklung über meinem Kopf auszumachen ist. Auf einmal sehe ich dann nur noch schwarze Punkte ohne irgendwelche Bedeutung. Dann muss ich kurz durchatmen und auf einmal geht es wieder.

    Mein Interesse gilt neben der Klassik dem Jazz. Aus meiner Gitarrenvergangenheit weiss ich wie Akkorde aufgebaut sind, was Umkehrungen sind und wie ich damit arbeiten kann. Dieses Wissen versuche ich auf das Klavier zu übertragen. Derzeit fühle ich mich jedoch noch etwas überfordert, weil ich nicht so genau weiss, wie ich die verschiedenen Akkordtöne auf beide Hände verteilen soll. Ebenso verwirren mich die lustigen Kirchentonarten (ionisch, dorisch, etc.). Obwohl ich schon dutzende Male darüber gelesen habe, kann ich irgendwie einfach nichts damit anfangen. Aus diesem Grund habe ich mir vorsorglich The Piano Book von Mark Levine besorgt. Aber so richtig damit arbeiten tue ich noch nicht. Von Oscar Peterson habe ich die Jazz Exercises, Minuets, Etudes & Pieces for Piano und arbeite hin und wieder damit. Ich habe aber noch unglaublich viele Fragen. Also stellt euch schon mal auf eine Fülle von Beiträgen meinerseits ein (insbesondere die Experten aus der Jazz-Abteilung).

    Also dann. Vielen Dank an diejenigen, die bis hier mitgelesen haben. Ich freue mich auf diskussionsreiche Monate in diesem Forum.

    Herzliche Grüsse aus der Schweiz
    Claudio
     
  2. Wu Wei
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    Wu Wei

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    Hallo Claudio,
    herzlich willkommen im Forum. Bin erfreut, nun nicht mehr allein verstörte Jazzanfragen stellen zu müssen :wink: Habe auch mit dem Levine begonnen, schalte aber jetzt noch einen Gang zurück auf Sikora "Jazz Harmonie" und die beiden Hefte von Ignatzek "Voicings" und "Solo". Theoretisch ist ja meist alles klar – aber wie bekommt man das Zeugs in die Finger ... Und die Übungszeit ist knapp bemessen, der Bach will auch gespielt sein! :roll:
    Tschüss
    Wu Wei
     
  3. clavio
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    clavio

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    Hallo Claudio,

    auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum. Schön, dass Du ein Bild raufgeladen hast. Das macht die Sache einfach persönlicher :wink:

    Gruß
     
  4. Claudio
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    Claudio

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    @Wu Wei
    Beim verstörte Jazzanfragen stellen, werde ich dir gerne helfen. Ignatzek Voicings habe ich auch, aber mit dem habe ich mich weniger gut anfreunden können als mit Levine. Du hast Recht, theoretisch ist meist vieles (bei mir nicht alles) klar, aber mit der Umsetzung hapert's. Beispielsweise die Voicings der Stufenvierklänge mit Umkehrungen. Alleine bei der Dur-Tonleiter ergeben sich, Umkehrungen eingerechnet, 192 Voicings! Konstruieren kann ich die alle, aber wie kriege ich die so in die Finger, dass ich beim Spielen nicht mehr nachdenken muss. Es reicht ja eigentlich auch nicht, sich die Griffmuster zu merken. Die Bedeutung der einzelnen Töne im Voicing (Ter, Sept, etc.) ist ja sicher auch relevant. Wie gehtst du da vor? Wenn du z.B. Dmaj7 siehst, denkst du dann ganz schnell D, Fis, A, Cis oder leuchten da einfach die entsprechenden Tasten vor dem geistigen Auge auf?

    @Fabian
    Ich finde es mit Portraitbild auch persönlicher. Vielleicht schliessen sich uns ja noch ein paar andere Forumsteilnehmer an.
     
  5. Wu Wei
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    Wu Wei

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    Tja Claudio, im Verstörte-Fragen-Stellen bin ich schon noch ein Stück voraus. :wink: Diese habe ich z.B. schon mal hier so ähnlich zu formulieren versucht: Eine befriedigende Antwort darauf habe ich nie erhalten, aber dafür viel anderes Nützliches gelernt. Bei mir ist es vor allem das Tastenbild; aber ich fange auch erst jetzt an, nicht mehr auf die Tasten zu schauen. Mal sehen, wie es sich entwickelt.
    Wu Wei
     
  6. Astrid
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    Astrid

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    Hallo Claudio,

    ich muss jetzt auch noch etwas fragen, aber es hat nichts mit Jazz zu tun... :-D

    Kannst du mir nochmal genau erklären, wie du das mit dem Noten lesen angestellt hast??
    Du hast einfach ein Notenbuch genommen und laut die Noten aufgesagt, die da standen?
    Habe ich das so richtig verstanden?

    Wielange hast du das gemacht pro Tag? Und mit welcher Ausdauer?
    Ich habe nämlich auch ziemlich Mühe mit dem Blattspiel und würde gerne viel besser Noten lesen können. Vielleicht hast du tatsächlich die ultimative Methode....

    Liebe Grüsse
    Astrid
     
  7. Claudio
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    Claudio

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    Hallo Astrid

    Ja, ich habe ein Notenbuch genommen und die Noten laut und in gleichmässigem Tempo aufgesagt. Immer in der Reihenfolge, wie sie auch gepielt werden, Bass- vor Violinschlüssel. In den ersten beiden Takten von Bachs Inventio Nr. 9 sieht das dann wie folgt aus:

    [​IMG]

    1. Takt: F C Bb | F Ab G | F Ab G | Ab F G | F Db Eb Db C
    2. Takt: Bb Db C | G Bb A | G Bb Ab | Bb G Ab | G E F E D

    Ich habe mir jeden Tag etwas anderes vorgenommen und das dann laut vorgelesen, ein Bach-Rezital sozusagen. Als erstes bin ich alle Inventionen durchgegangen. Einmal konzentriert reicht völlig. Bach habe ich deshalb gewählt, weil er sich quer durch die Oktaven bewegt und kaum identische Wiederholungen beinhaltet (z.B. keine Alberti-Bässe). Der stetige Wechsel Bass- und Violinschlüssel ist wichtig, um bei Tonleiterfragmenten nicht einfach, ohne zu denken, durchzulesen, sondern Auge und Gehirn auf das eindeutige Identifizieren einer bestimmten Note zu trainieren.

    Ob das wirklich die "ultimative Methode" ist, kann ich nicht sagen. Mir hat diese Vorgehensweise jedoch sehr geholfen. Natürlich hast du damit erst die halbe Miete, denn die Koordination mit der Hand, welche die Noten spielt, wird damit ja noch nicht trainiert. Hierfür empfehle ich, aus einer Sammlung wirklich einfacher Stücke, jeden Tag etwas Neues zu spielen und es dann zur Seite zu legen, damit du es nicht auswendig spielst.

    Liebe Grüsse, Claudio
     
  8. Claudio
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    Claudio

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    @Wu Wei
    Tja, Wu Wei, da hast du ja wirklich schon einige Fragen gestellt, die mir auch auf der Zunge brennen. Der von dir erwähnte Thread ist sehr interessant, allerdings habe ich mich am Schluss, dort wo sich die Profis dann untereinander zu vergnügen beinnen, ausklinken müssen.

    Einmal vom Auswendiglernen abgesehen, mit welcher Art Voicings arbeitest du derzeit? Nehmen wir z.B. an, du willst ein Stück aus einem Fake Book harmonisieren und nehmen wir weiter an, es kommen lediglich die Dur-Stufenvierklänge maj7, m7, 7 und m7b5 vor. Jetzt gibt es x Methoden, dafür Voicings zu basteln. Mir kommen spontan in den Sinn:
    • Vierklang in der linken Hand mit Umkehrungen, rechts die Melodie
    • Links die Bassnote, rechts Terz und Sept plus Melodie (analog Levine Jazz Piano Seite 21)
    • Links 13, 15 oder 17, rechts 75, 73 oder 35 plus Melodie, sog. Spread Voicings also (analog Moehrke, Jazz Piano Voicing Concepts)
    Was davon macht am Anfang am meisten Sinn?
     
  9. Wu Wei
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    Wu Wei

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    @Claudio,
    wenn ich dir deine Frage so aus dem geistigen Handgelenk beantworten könnte, wäre ich schon froh. Doch leider ist dem nicht so ... :cry: Stell sie doch in der Jazz-Ecke – die Jungs dort werden dich mit vielen Varianten beglücken. Freu mich auch schon drauf.

    @Astrid,
    bin auch beim Prima-Vista-Üben und denke, dass es wirklich wichtiger ist, die direkte Verbindung Notenbild-(Neuromotorik)-Finger-Taste einzuschleifen, ohne den Umweg über den Notennamen, der ja im Gehirn ganz andere Areale aktivieren würde, so dass dies vielleicht eher kontraproduktiv ist. Aber das ist nur meine Hypothese, da auch Anfänger. Ich versuche ganz, ganz einfache Stücke (Bartoks Mikrokosmos, Volkslieder, Choräle) extrem langsam beidhändig blind zu spielen. Und aus Liebe zum Klang auch – allerdings meist einhändig – alles, was mir von Bach unter die Augen kommt. Dabei ziehe ich das möglichst stoisch durch, ja keinen Stress oder Angst vor Fehlern, keine Korrektur, keine Wiederholungen (nur mal als Belohnung, wenn mal was ganz außerordentlich gefällt, meist bei JSB).
    Wu Wei
     
  10. Claudio
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    Claudio

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    @Wu Wei
    Ok, ich habe die Diskussion eben in die Jazz-Ecke verlagert. Mal sehen, ob da etwas entsteht, welches der (unserer oder meiner) zunehmenden Verwirrung Einhalt zu gebieten im Stande ist.