Ich muss mal was loswerden zum Tongeschlecht Moll....

Dieses Thema im Forum "Plauderecke" wurde erstellt von Elio, 8. Jan. 2008.

  1. Elio
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    Elio

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    So, jetzt muss ich mal andere Musiker nach ihren Meinungen oder Erfahrungen fragen.

    Oft bekomme ich zu hören, dass Musik in Moll traurig sei. Oder Menschen vermuten, dass Leute die gerne Musik in Moll hören Melancholiker wären oder traurige Menschen wären.
    Seltsamerweise bin ich genau das Gegenteil von traurig ;)

    Also, zusammenfassend:

    Das oft als dunkel oder traurig bezeichnete Tongeschlecht Moll trägt diese so absoluten Adjektive meiner Meinung nach zu Unrecht.

    Musik in Moll kann auch eine lebensbejahende Aufbruchstimmung herbeiführen. Ebenso alles Schöne unterstreichen oder erst vollständig fühlbar machen.

    Oder nicht?

    Elio
     
  2. Eva
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    Eva

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    Wir hatten mal einen Musiklehrer, der war auch voll gegen die Einteilung Moll - traurig, Dur - fröhlich

    Ich zitiere ihn mal "Es gibt die fröhlichsten Stücke in Moll und die traurigsten in Dur"

    Ob das stimmt, kann ich nicht wirklich beurteilen, da ich bisher eigentlich hauptsächlich die Erfahrung gemacht habe, dass Moll etwas trauriger und nachdenklicher ist.
    Habe nun aber nicht so besonders viel Ahnung von den verschiedensten Stücken und jetzt auch noch nicht so irre viel gespielt.
    Bin aber eher auch kein großer Freund von diesen Vorurteilen und ob man gleich auf den Charakter eines Menschen schließen kann, wenn man weiß, was er bevorzugt an Musik hört... ich weiß nicht recht.

    Gegensätze sollen sich ja bekanntlich auch anziehen ;)
     
  3. Dimo
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    Dimo

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    Oft sind Stücke in Moll tatsächlich traurig.
    Oder kennt jemand einen Trauermarsch in Dur ?

    Aber natürlich gilt diese "Regel" nicht automatisch.

    Ein interessantes Beispiel (paßt zwar nicht ganz, fällt mir aber gerade ein): 2 Lieder aus der "Schönen Müllerin" (Schubert):
    "Die liebe Farbe" in Moll
    "Die böse Farbe" in Dur
    ...wo man es vielleicht genau "andersherum" erwartet hätte...
     
  4. .marcus.
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    .marcus.

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    Ich glaube auch nicht an diese Einteilung Moll - traurig, Dur - fröhlich.
    Ich geb mal zwei Beispiele, z.B. die 2. Ungarische Rhapsodie von Liszt, die wohl niemand als traurig empfinden wird, steht in cis-Moll. Beethovens fünfte steht in c-Moll. Ich kenn mich zwar nur mit dem ersten Satz etwas aus, aber traurig ist der ja wohl auf keinen Fall.

    Man kann natürlich dann anfangen in jedes Werk irgendwie traurige Züge hinein zu interpretieren, aber... :rolleyes:

    marcus
     
  5. Guendola
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    Guendola

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    Ich würde eher sagen, daß Moll mehr Dramatik hat und Dur eher leichter klingt, das ist aber auch nur Schubladendenken und trifft es nicht komplett. Immerhin gibt es aber mehrere Moll-Tonleitern, die sich im Charakter auch noch unterscheiden, während heute eigentlich nur noch eine Dur-Tonleiter verwendet wird (wenn man die Kirchentonarten mit Dur-Charakter als "Dur" bezeichnet, was natürlich nicht korrekt ist). Das Wichtigste ist es wohl, zu fühlen, daß ein Stück einen völlig anderen Charakter bekommt, wenn man das Tongeschlecht wechselt, also z.B. statt in D-Moll in D-Dur spielt (und das liegt ja eben nicht daran, daß D-Moll die Moll-Parallele zu F-Dur ist und F-Dur und D-Dur unterschiedliche Stimmungen zugeschrieben werden, die mit der heutigen temperierten Stimmung an Klavieren sowieso nicht mehr hörbar sind).
     
  6. Stilblüte
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    Stilblüte

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    Ich würde auch nicht sagen, dass Moll = traurig und Dur = fröhlich immer zutrifft.
    ((Da fällt mir gerade auf - warum heißt es trauriG und fröhliCH und nicht fröhlig oder traurich...? :rolleyes:))

    Meiner Ansicht nach ist Moll viel wandelbarer, vielschichtiger und unterschiedlicher zu Charakterisieren als Dur.
    Moll kann traurig, betrübt, dramatisch, explosiv, heiter, öde, tollpatschig, gehetzt, ..... wirken.
    Natürlich hängt das auch mit der Komposition zusammen, aber wenn ich nachdenke, fallen mir viele extrem unterschiedliche Stücke in Moll ein.
    Mit moll kann man so viel anstellen :)

    Wäre interessant, zu wissen, ob mehr Stücke in moll oder dur komponiert werden bzw. wurden.
    Und was "einfacher" zu komponieren ist...?
    Welches Tongeschlecht bevorzugt ihr?

    Grüße
    Stilblüte
     
  7. tapirnase
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    tapirnase

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    Ich finde einige Dur "Sachen" sogar trauriger als welche in Moll. Gerde, wenn die Trauer nicht dermaßen offensichtlich ist, das einem schon die Trtähnen in die Augen schießen, wenn man nur das Harmoniegerüst hört.
    Vorallem bei Schubert wird dieses deutlich, man denke da an seine letten drei großen Sonaten!
    Als Gegenbeispiel vielliecht einige den ungarischen Tänze von Johannes Brahms´.
    Aber ich denke mal, dass Leute die sowas behaupten auch sagen, dass CDur technisch einfacher zu spielen sei als cis Moll ;)
     
  8. Mindenblues
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    Mindenblues

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    Merkwürdig, das allertraurigste Stück, was mir einfällt, ist in Es-Dur, es ist: "Oh Mensch, bewein dein Sünde gross", aus dem Orgelbüchlein von Bach. Es wird gerne zu Beerdigungen gespielt, und ich liebe es sehr. Wenn ich "gut" drauf bin, werden mir die Augen dabei feucht,auch wenn ich es selber spiele ...

    Auf der anderen Seite, "Jesu meine Freude" aus demselben Orgelbüchlein ist in Moll, und es ist keinesfalls dunkel oder traurig. Und sämtliche Scherzi von Chopin sind ebenfalls in Molltonarten - wo man doch bei einem Scherzo nicht zuerst an was trauriges denkt.

    Also, ich sehe es auch so, dass nicht zwangsläufig ein Tongeschlecht mit einer Grundstimmung des Stückes verbunden sein muß.
     
  9. koelnklavier
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    koelnklavier

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    Wenn das "b-moll-Scherzo" op. 31 nicht in herrlichstem Des-Dur steht, verstehe ich die Welt nicht mehr.

    Wer das Stück nicht selber analysieren will, dem empfehle ich die "ketzerische" Harmonielehre von Urs Martin Egli: Hören und Nachdenken. HBS Nepomuk 2003
     
  10. Dimo
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    Dimo

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    Hallo Stilblüte,
    Ich glaube, dass die Dur-Stücke in der Mehrzahl sind.
    Zumindest in der Wiener Klassik...
    Von Mozart gibt es 27 Klavierkonzerte, nur 2 sind in Moll (d-moll, c-moll), diese beiden sind aber auch besonders berühmt und geschätzt (Vielleicht auch deswegen, weil sie "anders" sind...)
    Bei Moazrts Klaviersonaten ist es ähnlich (gibt glaube ich auch nur 2: a-moll, c-moll).
    Von Beethoven sind die beiden "Moll-Sinfonien" (5. und 9.) besonders bekannt...

    Ich glaube, in Moll komponieren ist schwerer als in Dur.
    Man landet so leicht in der parallelen Durtonart und "findet schlecht wieder zurück"...;)
    Chopins "b-moll Scherzo" ist ein schönes Beispiel dafür....(allerdings ein meisterhaftes)

    Bei meinen eigenen Kompositions-Versuchen: die sind auch fast alle in Dur...

    Wie sind Deine/Eure Erfahrungen?

    Viele Grüße, Dimo
    PS Ich kann nicht behaupten, dass mir ein bestimmtes Tongeschlecht besser gefällt...
     
  11. ubik
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    ubik

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    Dur = Moll

    Wenn ich in F-Dur die Töne A-G-F-E-D spiele, klingt es traurig oder jedenfalls nicht fröhlich. Die parallele Moll-Tonart dazu ist d-Moll.

    Wenn ich in d-moll F-G-A-B spiele, klingt es fröhlich. Die parallele Dur-Tonart ist F-Dur.

    Es kommt ganz auf das Motiv an.
     
  12. tapirnase
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    tapirnase

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    gammelnder käse schwitzt
    durch sport treiben schwitzt man auch
    ----> beim sport treiben entsteht gammelnder käse
     
  13. rappy
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    rappy

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    Dur-Themen können ernst sein (z.B. Brahms 1. KK Choralthema), Moll-Themen können verspielt sein (Saint-Saens), aber ich glaube, es wird schwer werden, beispielsweise thriumpierend fröhliche Mollthemen zu finden. Oft wird man in die Irre geführt, wenn z. B. die markantesten Themen in einem mit Moll betitelten Stück in Dur stehen (z. B. schon erwähnt, Ungarische Rhapsodie #2 von Liszt) oder in Durkadenzen dann plötzlich gehäuft Neapolitaner auftreten etc.
     
  14. Elio
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    Elio

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    Hmm, ich meine Frage war eher, macht Euch Musik in Moll traurig?
    Bzw. anders gefragt, kann Musik in Moll nicht auch fröhlich und euphorisch machen? Bei mir ist das nämlich so.

    Elio
     
  15. Dimo
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    Dimo

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    Hm...an welche Stücke denkst Du da?
     
  16. Elio
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    Elio

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    Z.b. Skrjabins Prelude op11/10 (ich glaube cis-Moll). Oder auch viele Nocturnes von Chopin. Es ist einfach so wunderschöne Musik teilweise, das man diese doch nicht als traurig empfinden kann!

    ;)
     
  17. ubik
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    ubik

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    Das liegt daran, dass Chopin, musiktheoretisch gesehen, Melodien kompinierte, die auch Dur-Elemente enthalten. Also ist es eine Mischung aus Dur und Moll.
     
  18. Sabri
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    Sabri

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    Welche fallen dir denn da ein?
    Ich finde sie wunderschön, aber mich tragen sie immer in eine andere Welt voller Melancholie. Besonders das cis-moll aus dem op. post. oder das erste in b-moll, oder das in c... :o

    Bei dem Scherzo b-moll muss ich aber auch zustimmen. Obwohl das doch eher ein wilder Wechsel zwischen Dur und moll ist.
    Auch fällt mir gerade die 2. Ballade in F-Dur ein. Die finde ich an keiner Stelle fröhlich, auch nciht am Anfang.
     
  19. Dimo
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    Dimo

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    Bei diesem Scherzo empfinde ich den b-moll-Anfang eher "grimmig, energisch",
    den großen Des-Dur-Abschnitt (wo con anima steht) eher "sehnsuchtsvoll",
    den A-Dur-Teil etwas melancholisch...
    ...und den Des-Dur-Schluss energisch und "strahlend"...

    Bei Chopin gibt es da schon interessante Mischungen...
     
  20. Frédéric Chopin
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    Frédéric Chopin

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    Hallo Elio,

    zunächst wenn man das Gehör eines kleinen Schülers trainieren will, muß man ihm sagen, daß Moll-Stücke traurig sind und Dur-Stücke nicht.

    Ich habe Erfahrung darin, weil ich vierjährige und fünfjährige Musikschüler unterrichte, und sie die Dur und Mollstücke erkennen sollen und auch Dur- und-Mollakkorde.

    Also Moll erzeugt von Natur aus eine traurige Stimmung, sonst könnten meine kleinen Schüler im Alter von 4 und 5 Jahren nicht Moll und Dur erkennen. Das tun sie aber, und es verlangt von ihnen keine professionelle Ausbildung Moll zu erkennen. Das machen sie, weil Moll eine traurige Stimmung erzeugt, die bereits sehr kleine Kinder fühlen.

    Zu Deiner Frage aber, ob Moll auch heitere Stimmung machen kann: Ja!

    Denken wir an Brahms Ungarischen Tanz Nr. 5.

    Umgekehrt genauso: Dur-Stücke können auch traurige Stimmung erzeugen.

    Das hängt von der Komposition ab.

    Allerdings tendieren die meisten Moll-Stücke eher zu einer traurigen Stimmung.

    Liebe Grüße, Mario
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 12. Jan. 2008