Geschichten aus dem Berufsalltag, lustig, traurig, unterhaltsam, zum Nachdenken anregend

Dieses Thema im Forum "Plauderecke" wurde erstellt von Klein wild Vögelein, 23. März 2020.

  1. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Geschichten aus der Praxis am Rande der Stadt

    Ich bin Allgemeinmedizinerin und zur Zeit nebenberuflich Türsteherin.

    Das ist eigentlich ganz spaßig, auch wenn der Grund für diese Nebentätigkeit nicht zum Lachen ist. Die Lage ist ernst, denn das Coronavirus birgt für uns alle existenzielle Risiken, sowohl gesundheitliche, als auch finanzielle.

    Trotzdem ist die Stimmung innerhalb unseres Teams, wie immer, meistens gut. Es gibt viel zu lachen, wenn wir uns Coronawitze erzählen oder schräge Begrüßungsrituale zelebrieren, umarmen geht ja nicht. Humor ist gerade zur Zeit therapeutisch, mit Ausnahmen natürlich.

    Aber zurück zu meinem neuen Arbeitsfeld als Türsteherin.
    Ich fange sozusagen Patienten ab, die Einlass begehren, um sich Rezepte oder Atteste schreiben zu lassen oder Arbeitsunfähigkeitbescheinigungen. Die dürfen nämlich nicht rein, wenn keine triftigen Gründe vorliegen, die eine Untersuchung unerlässlich machen. Mein strenger Blick führt umgehend zum auf der Stelle stehen bleiben und zaghaft um das Gewünschte zu bitten.
    Manchmal lockere ich die Situation ein wenig auf, indem ich ein: „Was wollen Sie denn schon wieder?" ins Spiel bringe. Mein Ruf ein bisschen schräg zu sein muss schließlich gepflegt werden.

    Nach 30 Jährigem Aufbau einer vertrauensvollen Bindung darf ich das. Manchmal kommt ein: „ Was stehen Sie denn hier rum? Haben Sie nix besseres zu tun?" Die dürfen das auch und fast alle, die da draußen in der Kälte stehen, lachen oder haben ebenfalls einen frechen Spruch auf den Lippen.

    Hoffentlich wird es in der nächsten Zeit nicht regnen, das ist eine schreckliche Vorstellung. Aber wir müssen die Auflagen unserer Kammern erfüllen zu unsere aller Schutz.

    Tests durchführen müssen wir nicht, Patienten, die die vom RKI vorgegebenen Kriterien erfüllen müssen sich zu 3 Test Zentren begeben, die das Gesundheitsamt unserer Stadt aufgebaut hat.

    Im direkten Kontakt mit Patienten tragen wir unsere Schutzmasken ( FFP 3). Damit gehen wir sparsam um, denn der Vorrat schrumpft.

    Wir frieren ein bisschen, denn die Fenster sind ohne Unterlass zum Auslüften geöffnet. Diese Schutzmaßnahme ist nicht zu unterschätzen.

    Die Patienten draußen frieren noch mehr und deswegen mag ich meinen neuen Nebenjob. Sie sehen ein vertrautes Gesicht am Eingang statt eines Zettels an der Tür, der zum Schellen auffordert.

    Und eine Hausärztin, die hin- und herhuscht und Papier und Versichertenkarten transportiert.

    In diesem Sinne: Gemeinsam sind wir stark und wenn wir uns gegenseitig zum Lächeln bringen bärenstark!
     
  2. thinman
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    thinman

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    für Deine Sprüchesammlung, was ich auch ganz gerne zu manchen Patient*innen sage: "Hat der Friseur auch zu, weil sie zu uns kommen und Ihre Beichte ablegen wollen?"

    Und noch ´n Spruch: "Gemeinsam sind wir unausstehlich."
    Und noch ´n dritter: "Wo wir sind klappt nix, aber wir können ja nicht überall sein."

    Fröhliches Türstehen! :-D

    Das ist gottseidank an mir vorüber gegangen. Praxis ist zu.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. März 2020
  3. Curby
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    Curby

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    Wer wird denn allgemein überhaupt noch reingelassen und unter welchen Bedingungen?
     
  4. Ambros_Langleb
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    Ambros_Langleb

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    Und wenn sie / er dann versetzt "nein, ich mache mir nur Sorgen um Ihr Einkommen" parierst Du das mit dem Traditionsspruch des jugoslawischen Fremdenverkehrsamt: "Bleib daheim und schicke nur das Geld". ;)
     
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  5. Barratt
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    Kleine Zwischenfrage, Du bist doch Zahnarzt... Ist das bis an die Grenze der Gelenkkapazität aufgesperrte Mundwerk Deiner Kund*innen nicht der sicherste Schutz gegen too much information? :004:
     
  6. klaros
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    klaros

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    Ein Arztehepaar aus meiner Familie, das gerade wegen beginnenden Ruhestandes seine Praxis verkauft hat, steht jetzt auf einem Parkplatz und macht die berühmten "Drive-in Tests. Ein lustiger Spruch von ihnen war: "Das Gute an der Vermummung ist auch die Tarnung, uns erkennt niemand unserer früheren Patienten. " :005:
     
  7. Peter
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    Das ist sowieso immer das Geilste: Der Zahnarzt schiebt einem ein ganzes Auto in den Mund nur um dann mit Fragen zu löchern. "Und was macht die Arbeit?" "hmpfschgrkfff". :-D
     
  8. klaros
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    klaros

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    Was er (der Zahnarzt") nicht zum Patienten sagen sollte, ist: "So schlimm ist das doch gar nicht, vielleicht beißen sie mal die Zähne zusammen." :017:
     
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  9. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Auch erheiternd:

    Patient (leicht säuerlich): „Ich brauchte sie letzte Woche und sie waren mal wieder nicht da. Schon wieder im Urlaub gewesen? Sie müssen ja jede Menge Kohle haben."

    Ich (aufmunternd): „Genau. Machen sie mal voran! Ich will gleich zur Bank, bisken Geld scheffeln."

    Das mit den bohrenden Fragen beim Zahnarzt kenne ich auch. Meiner, hübsch und Klavierspieler, versucht mich immer von meinen panischen Zahnarztängsten abzulenken. Am Ende der Tortur ärgere ich ihn immer ein bisschen damit, dass er eine steile Karriere verpasst hat. Er hatte nämlich zuerst eine solche im pianistischen Bereich angestrebt. Sein Vater hatte mir anvertraut, dass er ein wenig in Sorge sei, seinen Sohn nicht so bald von seiner Gehaltsliste streichen zu können und war maßgeblich daran beteiligt seinen Sohn in seine Fußstapfen treten zu lassen.
     
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  10. thinman
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    thinman

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    Du hast ja keine Ahnung, zu welch hübschen Idiomen manche Patient*innen (gepaart mit dem unwiderstehlichen Odeur des einen Tag alten Knoblauchs) fähig sind. Natürlich versteh ich dann nicht Alles und bleib also lieber still, deshalb kommt bei der ersten sich bietenden Gelegenheit blitzartig die vorwurfsvolle Ansage an mich: "Sie sagen ja gar nichts!":004:
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. März 2020
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  11. DonMias
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    DonMias

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    Aus dem Berufsalltag? Aber gerne:

    Frage: "Ist organisatorisch sicher gestellt, dass ..." Antwort IMMER "Nein."
    Frage: "Kann ich davon ausgehen, dass ... " Antwort IMMER "Nein."
    Frage: "Ich hätte gerne ... " Antwort OFT "Und ich hätte gerne einen Ferrari." (Auf die Antwort habe ich übrigens ein Patent. Also nicht verwenden, ohne mit mir vorab eine Lizenzvereinbarung abgeschlossen zu haben.)
     
  12. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Und noch 2 Episoden aus der Praxis am Rande der großen Stadt:

    Steuerberater Herr St. hat sich den Ellenbogen gebrochen bei einem Sturz. Behandelt wird er in der unfallchirurgischen Ambulanz der hiesigen Klinik. Er benötigt 2 Überweisungen und ich erkläre ihm telefonisch das
    Procedere. Wenn wir die Weiterbehandlung übernehmen, wolle er in die Praxis kommen und seine FFP 3 Maske aufsetzen. Er erklärt, dass er sich bereits im Februar angesichts der Geschehnisse in China mit Masken eingedeckt habe.
    Mit Herrn S. kann man auch reden wie mim Doofen, oder Spökes/Dönekes machen, wie wir hier im Ruhrpott sagen.
    Also sage ich zu ihm: „Aha! Ihre Masken werden sofort von uns konfisziert! "
    Charmant erwidert er , dass er jeweils 1 Maske für sich, seinen Arbeitnehmer und für seine Frau (Krankenschwester) benötige und uns 5 geben könne.

    Angesichts dieser noblen Geste werde ich ziemlich kleinlaut und wir handeln aus, dass wir 3 kriegen.
    So ganz nebenbei frage ich ihn, ob er auch noch einige Rollen Klopapier für uns habe. :lol: Damit kann er aber nicht dienen.
    Wir stellen fest, dass Corona auch eine Chance birgt, nämlich zunehmende Solidarität und Mitmenschlichkeit.

    Aber, wo Licht ist, ist auch Schatten.

    Frau Dr. Sch. (74 Jahre mit Asthma bronchiale) hat heute morgen beim Zähneputzen einen leichten weißlichen Zungenbelag per Zufall entdeckt. Im Flur bekomme ich schon eine Diskussion mit meiner Mitarbeiterin mit. Das müsse unbedingt ein Arzt sehen und ein Zungenabstrich müsse auch gemacht werden.

    Nun wartet sie draußen, wohin ich mich begebe. Ich muss zunächst sch sch machen, da sie mir auf die Pelle rücken will. Ich frage, ob die Beschwerden sehr stark seien, was sie verneint. Ich schlage ihr vor, eine Suspension aufzuschreiben, ein Pilzbefall der Zunge sei bei der Therapie mit einem inhalativen Kortisonpräparat ziemlich wahrscheinlich. Wenn es in 2-3 Tagen nicht besser würde, könnten wir weitersehen.
    Sie guckt wenig überzeugt und ich frage, ob sie unbedingt in die Praxis wolle. Es gäbe nämlich keine Garantie dafür, dass sie mit einem banalen Infekt reingehe und nicht mit einer Corona-Infektion wieder rauskomme.
    Sie ist eine kluge Frau und ihr geht endlich ein Licht auf!
     
  13. Klafina
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    Klafina

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    Auszug aus einer Schüler-Feedback-Mail:

    "also bei mir ist es eigentlich ganz gut geloffen".

    Unsere SuS können eben ihre sprachliche Herkunft nicht verleugnen.
     
  14. mick
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    mick

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    Orchesterprobe (irgendwo an der Ostküste):

    Soloklarinettist: "Is it really necessary to play this movement on C clarinets? In the past we always played it on our B flats!"

    Dirigent: "Maybe. In that past we also used to lynch negroes."

    Gesagt hat das kürzlich ein sehr berühmter Dirigent. Den Namen verrate ich jetzt nicht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. März 2020
  15. Klimperline
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    Klimperline

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    Aus Kindermund:

    Sportbetonte Grundschule mit eigener Schwimmhalle, ich erteile dort Schwimmunterricht für Nichtschwimmer.
    Die Mädchen und Jungen aus der 1c sind in den ersten Wochen gut dabei, glücklicherweise hat in diesem Schuljahr niemand größere Angst vor dem Wasser. Auch das süße zierliche Mädchen mit dem von mir noch nie zuvor gehörten Vornamen macht Fortschritte und ist eifrig dabei. Doch eines Tages erscheint sie ohne Badesachen. "Zu Hause vergessen", war ihre Antwort. In der nächsten Woche meinte sie, der Badeanzug befände sich noch in der Wäsche, eine Woche später dasselbe. Als sie in der vierten Woche schon wieder nicht mitmachte, habe ich sie zu Seite genommen und gefragt, was wirklich los sei und ob ihr das Schwimmen nicht gefalle. "Doch doch, ich will ja schwimmen, aber der Papa sagt, ich habe Ohrweh". "Hattest Du letzte Woche auch schon Ohrenschmerzen?" "Ja, der Papa sagt, ich darf nicht mehr schwimmen, weil ich immer Ohrweh habe." "Warst du wegen der Ohren beim Arzt?" "Nein" "Wie fühlt es sich denn an im Ohr, pocht es oder zieht es?" "Weiß nicht, ich merke nichts."
    "Du merkst nicht, dass du Ohrenschmerzen hast?" "Nein, aber ich habe trotzdem welche, sagt der Papa."

    Wie ihr euch denken könnt, kam beim Elterngespräch heraus, dass der Vater mitbekommen hatte, dass der Schwimmunterricht koedukativ erteilt wird. Zum Glück habe ich diese Problematik bezüglich eines sechjährigen Mädchens erst ein einziges Mal miterlebt. Auf einer sportbetonten Schule konnte es mit diesem sturem Vater nicht gut gehen, das Mädchen hat dann die Schule gewechselt.
     
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  16. Barratt
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    @Klimperline Danke für die Geschichte, die ich leider nicht liken kann. Das Essen von gestern Abend drückt Richtung Kardia. Deutschland, 21. Jh. :cry2:
     
  17. thinman
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    thinman

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    ich nehme an von unten. Aber da kann ich Dich beruhigen: Gut gekotzt ist halb verdaut. :004:
    Gute Besserung!:023:
     
  18. Häretiker
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    Häretiker

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    Der Klassiker:

    [​IMG]

    Grüße
    Häretiker
     
  19. thinman
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    thinman

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    die Waliser scheinen recht hübsche Patientinnen zu haben. Vielleicht ergibt sich da mal was im Sinne "Ärzte ohne Grenzen". :006:
     
  20. Klimperline
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    Klimperline

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    Zu Deutschlands Ehrenrettung möchte ich nun doch erwähnen, dass das arme Mädel vermutlich später in eine Burka gesteckt worden ist... Die Geschichte hat sich vor etwa 15 Jahren abgespielt und es gab seitdem zwar immer wieder Diskussionen wegen unserer freizügigen Schwimmbekleidung, allerdings nie wieder so extrem wie oben beschrieben. Seit 2015 sind solche Vorfälle bei uns übrigens ganz verschwunden, zumindest was Kinder im Grundschulalter angeht. Im aktuellen Schuljahr befindet sich kein einziges in Deutschland geborenes Kind im Nichtschwimmerprojekt, was aber überhaupt kein Problem darstellt.