Entanonymisierung

Dieses Thema im Forum "Vorstellungsrunde" wurde erstellt von Latur, 21. Juni 2006.

  1. Latur
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    Latur

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    Hallo,

    nachdem sich hier schon so viele "geoutet" haben; habe auch ich den Entschluss gefasst, euch mal darzulegen mit wem ihr es hier zu tun habt.
    Ich bin 22, m, wohne in Berlin und bin wohl auch eher zufällig zum Klavier "gestolpert". Naja, erste Erfahrungen mit dem Tastenspiel hatte ich wohl wie die meisten schon in jungen Jahren. Damals schien es noch als eine simple Klimperei abgetan und wenig wurde dafür investiert - obwohl das gewisse "feeling" schon zu spüren war. Die Angst vor Verpflichtungen und Einengung ließ mich dann die "Sache" erst mal vergessen. Ob es nun Faulheit war oder was auch immer lässt sich im Nachhinein immer schlecht diagnostizieren. Ehrlich.Nun, einige Jahre später passte das Klavier auch nicht mehr in mein Selbstverständnis, ich wollte mit 17 einer von den "ganz Harten" sein, eine Verpflichtung bei den Fallschirmjägern sollte mich endgültig in die Kreise der stolzen Helden hieven...
    Naja, heute bin ich immer noch stolz darauf, 15 Mal bei einer Geschwindigkeit von 260 Km/h in 300 Metern Höhe aus einem großen, lauten Luftfahrzeug abgesprungen zu sein. Ansichtssache. Danach ging es dann für sechs Monate nach Afghanistan, mit 18 kein einfacher Schritt. Fernab der vertrauten Heimat mit bitterster Armut und einem 24-Stunden Job fertig zu werden, war genau gesagt zermürbend. Kein Platz für höhere Künste. Erst dort unten begann ich, unseren unermesslichen Reichtum, unsere Freiheit Dinge zu tun, die nicht primär mit dem Broterwerb oder der Verteidigung der elementarsten Grundrechte des Menschens zu tun haben, zu schätzen. 70% der Erdbevölkerung hat noch nie ein Klavier im Original gesehen, geschweige denn darauf spielen dürfen. Wenn dann des Abends Raketen chinesischer Bauart über das Lager flogen und sich mal wieder Jemand am Lagereingang
    in die Luft gesprengt hatte, war das Verständnis für höhere Fähigkeiten
    nicht mehr vorhanden. Wieder strichen einige Jahre ins Land, bis die Liebe zur Musik wieder geweckt wurde. Als ich meinen Dienst abbrach und mich an einem Kolleg zum Erwerb zur Erlangung der Hochschulreife einschrieb, begann ich,die Kunst des Musizierens wieder zu bewundern.
    Als dann mein Musiklehrer ein Stück vorstellte, war es um mich
    geschehen. Die unglaubliche Anmut der schwingenden Saiten ließ mich nicht mehr los, ich wollte auch die Fähigkeit besitzen, alle Menschen im Raum mit dieser entzückenden Gabe zu verzaubern. Das war vor 8 Monaten. Naja, obwohl ich davon noch nicht sonderlich viel verstehe, glaube ich, dass die Musik die Menschen dazu bewegt, ihr Leben nicht mehr als Selbstverständlichkeit wahrzunehehmen. Seit dem ackere ich
    wie von Sinnen dafür, pianistische Qualitäten zu erlangen.
    Leider klappt`s nicht immer so wie ich mir das vorstelle, aber das wird schon werden, ich bin ja schließlich nicht allein. Chopin wird sich zwar noch ein Weilchen gedulden müssen, sicher vor mir wird er aber nicht sein. Oh ja.

    Bis neulich, euer Latur
     
  2. Elio
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    Elio

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    Hi, herzlich Willkommen!
    Was war das denn für ein Stück, das er Dir vorspielte?
    Elio
     
  3. Latur
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    Latur

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    Naja, By the way, ich weiß es nicht mehr. Es war einfach phänomenal, das ist alles an das ich mich erinnern kann. Manchmal schaltet sich das rationale Denken einfach ab. Glaube ich.
     
  4. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    Beeindruckende Geschichte, Latur. Könnte mir vorstellen, dass Menschen, die das gesehen haben, was Du gesehen hast, Kunst und Musik viel intensiver erleben.