Die Schönheit des Moments in Wort, Bild, Musik , in der Vorstellung

Dieses Thema im Forum "Plauderecke" wurde erstellt von Klein wild Vögelein, 23. Juli 2016.

  1. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    ...... der Geruch des Waldes nach einem Regenguss


    Im Wort: " The Peace of wild Things " von Wendell Berry

    Wann immer ich verzweifle an der Welt
    und nachts beim leisesten Geräusch erwache,
    aus Angst um mein und meiner Kinder Leben,
    Dann gehe ich dorthin,
    wo die Brautente in ihrer Schönheit auf dem Wasser ruht
    Und wo der Silberreiher fischt.

    Dann finde ich den Frieden wilder Wesen,
    Die nicht ihr Leben schmälern durch die Sorge.
    Ich komme in die Gegenwart des stillen Wassers
    Und spüre über mir die Sterne, unsichtbar am Tage,
    still stehen mit ihrem Licht.

    Ich Ruhe eine Weile in der Erhabenheit der Welt
    und bin frei.
     
  2. thinman
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    thinman

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    Abschied

    So lang schon her
    Und doch ists mir, als wärs erst gestern.
    Letzter Weg gemeinsam, eng umschlungen,
    dunkle Straße, schweigende Stadt.

    Die Tränen des anderen weich empfangend,
    ein Lächeln
    ein letzter Blick in deine Augen.
    Noch einmal hineintauchen in die Tiefen deiner Vertrautheit.

    Hinab in den Bauch der großen Stadt
    Zum Gleis, das uns so oft zusammenführte.
    „Zurückbleiben bitte!“

    Ich schau dir nach
    sehe dich, den Kopf gesenkt,
    während dich die Bahn fortträgt, fort aus meinem Leben.
    Was bleibt sind Gefühle, zeitlos treibend im Meer der Erinnerung.
     
  3. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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  4. Gomez de Riquet
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    Gomez de Riquet

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    .


    Hier ist Friede. Hier weine ich mich aus über alles.
    Hier löst sich mein unfaßbares, unermeßliches Leid,
    das mir die Seele verbrennt ...
    Siehe, hier sind keine Menschen, keine Ansiedlungen.
    Hier ist Friede! Hier tropft Schnee leise in Wasserlachen ...


    Peter Altenberg

    .
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Sep. 2016
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  5. mick
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    mick

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  6. Klafina
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    Klafina

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    Der sogenannte Abglanz-Monolog von Faust aus "Faust II, 1.Akt, Anmutige Gegend":


    Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
    ätherische Dämmerung milde zu begrüßen;
    Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig
    Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
    Beginnest schon, mit Lust mich zu umgeben,
    Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
    Zum höchsten Dasein immerfort zu streben. –
    In Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen,
    Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben,
    Tal aus, Tal ein ist Nebelstreif ergossen,
    Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen,
    Und Zweig und Äste, frisch erquickt, entsprossen
    Dem duft'gen Abgrund, wo versenkt sie schliefen;
    Auch Farb' an Farbe klärt sich los vom Grunde,
    Wo Blum' und Blatt von Zitterperle triefen –
    Ein Paradies wird um mich her die Runde.
    Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen
    Verkünden schon die feierlichste Stunde;
    Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen,
    Das später sich zu uns hernieder wendet.
    Jezt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen
    Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet,
    Und stufenweis herab ist es gelungen; –
    Sie tritt hervor! – und, leider schon geblendet,
    Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
    So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
    Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
    Erfüllungspforten findet flügeloffen;
    Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
    Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen;
    Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
    Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
    Ist's Lieb'? ist's Haß? die glühend uns umwinden,
    Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,
    So daß wir wieder nach der Erde blicken,
    Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.
    So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
    Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
    Ihn schau' ich an mit wachsendem Entzücken.
    Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend,
    Dann abertausend Strömen sich ergießend,
    Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
    Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,
    Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
    Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
    Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
    Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
    Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
    Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juli 2016
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  7. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Zum Weinen schöne Worte und Musik :blume:
     
  8. PianoAmateur
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    PianoAmateur ehemals Ludwig69

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    Zu diesem tollen Thema von @Klein wild Vögelein hat ganz sicher jeder von uns seine eigenen Favoriten. Geht es um Schönheit im Zusammenspiel von Wort und Musik, fällt mir sofort die Arie "Mariettas Lied" aus dem 1. Akt der Oper "Die tote Stadt" von Erich Wolfgang Korngold ein. Auch, wenn der Text ein trauriges Thema behandelt, oder vielleicht auch gerade deswegen, ist dieses Stück für mich persönlich seit Jahren die Nummer Eins zum besagten Thema.


    Glück, das mir verblieb,
    rück zu mir, mein treues Lieb.
    Abend sinkt im Hag
    bist mir Licht und Tag.
    Bange pochet Herz an Herz
    Hoffnung schwingt sich himmelwärts.

    Wie wahr, ein traurig Lied.
    Das Lied vom treuen Lieb,
    das sterben muss.

    Ich kenne das Lied.
    Ich hört es oft in jungen,
    in schöneren Tagen.
    Es hat noch eine Strophe
    weiß ich sie noch?

    Naht auch Sorge trüb,
    rück zu mir, mein treues Lieb.
    Neig dein blaß Gesicht
    Sterben trennt uns nicht.
    Mußt du einmal von mir gehn,
    glaub, es gibt ein Auferstehn.


    View: https://www.youtube.com/watch?v=5C_QU16zrSU


    Andreas (hoffentlich nicht mal wieder am Thema vorbei) :konfus:
     
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  9. Charis
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    Charis

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    Clouds

    See the mighty clouds, whose distant lofty tops
    proud, shimmering rise, white as white snow!
    Calmly they glide on, at last in calm to die below,
    slowly dissolving in a shower of cool drops.

    Majestic clouds - smiling onward they go straight
    through life, through death in brilliant sun,
    in ether so clear and pure, dark care unknown,
    with quiet and grand contempt for their fate.

    Would I were granted, festively proud as those,
    to climb where the bustle of worlds does not tread
    and bear the sunlight's golden wreath around my head
    no matter how angrily round me the storm's roar goes.

    Karin Boye (übersetzt von David McDuff)
     
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  10. Gomez de Riquet
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    Gomez de Riquet

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    .

    Locus amoenus

    Hain ohne Gottheit, ohne Priestersegen,
    ganz unberührt und wie vor aller Zeit,
    worin sich lauter Eigenkräfte regen,
    und der Natur als Heiligtum geweiht.

    Den Ort verehrt die liebe Abendsonne.
    Sie taucht die Lichtung in ein warmes Licht,
    enthüllt dabei die ungeahnte Wonne
    auf dieser schönen Erde Angesicht.

    Und keine Prozession durchzieht die Stätte,
    kein weißer Rauch durchdringt den Hain
    (wie es dem alten Brauch entsprochen hätte)
    als nur ein zarter Blütenduft allein –

    wie aus der tiefen Schweigsamkeit des Ortes
    sich nur das Vogelzwitschern sanft erhebt,
    das Grillenzirpen, und den Saum des Hortes
    nichts als der süße Abendwind belebt,

    der Strauch- und alle Blumenwelt hinnieden
    und dort die Bäume sich bewegen läßt,
    die achtsam diesen Zauberort umfrieden,
    der jeder Kreatur das Leben läßt.
    .
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Sep. 2016
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  11. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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  12. Wil
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    Wil

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    Wollen


    Bei dir sein wollen
    Mitten aus dem was man tut
    weg sein wollen
    bei dir verschwunden sein

    Nichts als bei dir
    näher als Hand an Hand
    enger als Mund an Mund
    bei dir sein wollen

    In dir zärtlich zu dir sein
    dich küssen von außen
    und dich streicheln von innen
    so und so und auch anders

    Und dich einatmen wollen
    immer nur einatmen wollen
    tiefer tiefer
    und ohne Ausatmen trinken

    Aber zwischendurch Abstand suchen
    um dich sehen zu können
    aus ein zwei Handbreit Entfernung
    und dann dich weiterküssen


    Erich Fried
     
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  13. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    .... Herrlicher Moment gestern: cwtoons und Klafinas App Ideen für's Kindermachen und -kriegen!

    Ich hab Tränen gelacht!!!! :lol:
     
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  14. Klafina
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    Klafina

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    Freut mich. So soll's sein. Lachen ist gesund!
    (Leider bin ich nicht jeden Tag für sowas aufgelegt.)
     
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  15. pianochris66
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    pianochris66

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    Puh, ich werde gerade richtig rot vorm Bildschirm:puh:;-).
     
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  16. Gomez de Riquet
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    Gomez de Riquet

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    Ich bin der Welt abhanden gekommen,
    Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
    Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
    Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben.

    Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
    Ob sie mich für gestorben hält,
    Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
    Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

    Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
    Und ruh' in einem stillen Gebiet!
    Ich leb' allein in meinem Himmel,
    In meinem Lieben, in meinem Lied.


    Friedrich Rückert
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Sep. 2016
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  17. Musikanna
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    Musikanna

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    At sunset, by the same bench,
    as in the days of my youth,

    At sunset, you know the kind,
    with the bright-coloured cloud and a chafer,

    At the bench with the half-rotten board,
    high above the incarnadine river,

    As then, in those distant days,
    smile and avert you face,

    If to souls of those long dead
    it is given sometimes to return.

    V. Nabokov
     
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  18. Klein wild Vögelein
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    Klein wild Vögelein

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    Ich habe gerade 5 selbst angebaute Tomaten geerntet, die ich heute Mittag mit Brot und kleiner Schalotte genießen werde.

    Bereits die Ernte war ein guter Moment und ich hab mich gefreut wie eine Schneekönigin! :blume:



    Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,
    die Amsel wollte es zerpicken.
    Aus Mitleid hat sie es verschont
    und wurde dafür reich belohnt.
    Das Korn, das auf der Erde lag,
    Das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.
    Jetzt ist es schon ein hoher Baum
    Und trägt ein Nest mit weichem Flaum.
    Die Amsel hat das Nest erbaut,
    Dort sitzt sie nun und zwitschert laut.

    Joachim Ringelnatz
     
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  19. Gomez de Riquet
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    Gomez de Riquet

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    Soupir


    Mon âme vers ton front où rêve, ô calme soeur,
    Un automne jonché de taches de rousseur,
    Et vers le ciel errant de ton oeil angélique
    Monte, comme dans un jardin mélancolique,
    Fidèle, un blanc jet d'eau soupire vers l'Azur.
    - Vers l'Azur attendri d'Octobre pâle et pur
    Qui mire aux grands bassins sa langueur infinie
    Et laisse, sur l'eau morte où la fauve agonie
    Des feuilles erre au vent et creuse un froid sillon,
    Se traîner le soleil jaune d'un long rayon.


    Stéphane Mallarmé
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Sep. 2016
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  20. Charis
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    Charis

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    [...]
    At the still point of the turning world. Neither flesh nor fleshless;
    Neither from nor towards; at the still point, there the dance is,
    But neither arrest nor movement. And do not call it fixity,
    Where past and future are gathered. Neither movement from nor towards,
    Neither ascent nor decline. Except for the point, the still point,
    There would be no dance, and there is only the dance.
    I can only say, there we have been: but I cannot say where.
    And I cannot say, how long, for that is to place it in time.
    [...]

    Aus: T. S. Eliot: Four Quartets, 1. Burnt Norton, II.

    Die "Vier Quartette" von Eliot sind u. a. durch Beethovens späte Streichquartette inspiriert (etwa op. 132). Es gibt darin so viele sprachlich und gedanklich schöne Stellen, daß ich aus dem Zitieren gar nicht herauskäme ...
     
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