Das ist meine Geschichte

Dieses Thema im Forum "Vorstellungsrunde" wurde erstellt von Susi-Sonnenschein, 15. Mai 2006.

  1. Susi-Sonnenschein
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    Susi-Sonnenschein

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    Hallo Gleichgesinnte!!

    Dieser Ausdruck alleine ist eigentlich schon falsch. Hier sind ganz viele Gesinnte, aber nach stundenlangem stoebern habe ich leider feststellen muessen, dass ich mich nicht recht dazu zaehlen kann...
    Ich habe bisher gedacht, dass ich was vom Klavier verstehe, aber Pustekuchen! Hier aber meine Geschichte, so fange ich wenigstens von vorne an:

    Ich heisse Susanna und bin mittlerweile doch tatsaechlich schon 21 3/4 Jahre alt. Unfassbar. Ich wohne zur Zeit in dem wunderschoen lauten und turbulenten Madrid. (Jetzt fange ich ja doch hinten an...)

    Also: Geboren wurde ich in einer kleinen Stadt in Kirgisien, Zentralasien. Dort habe ich die ersten 5 Jahre meines Lebens verbracht, spreche also dank meiner Mutter noch relativ, wenn auch schon etwas stockend, Russisch.
    Zum Klavier habe ich erst im Alter von 8 Jahren gefunden. Zunaechst aeusserst begeistert, dann eher schwindend. In der Grundschule hatte ich Blockfloetenunterricht; mein sog. Talent wurde erst gegen Ende der 2 Jahre erkannt :-D Es stellte sich dann also die Frage, mit welchem Instrument ich dieses Talent dann foerdern sollte. Ich entschied es selbst, mit dem Enthusiasmus und der Ahnung (= 0) einer achtjaehrigen: Querfloete oder Klavier. Aus dem "oder" ist ein "und" geworden.
    Die Querfloete wurde gemietet, das Klavier gekauft. Meine Lehrerin (wie sollte es auch anders sein) war eine Russin, sehr strikt, sehr faehig. Mein Querfloetenlehrer war eine Flasche und hat mich weder zu foerdern noch zu animieren gewusst (oder lag das an mir?¿?). Die naechsten 2 Jahre war es dann also so, dass ich armes Kind jeden Tag nach der Schule nicht wie all die anderen Maedels in meiner Klasse zum spielen verabredet war. Ich floetete taeglich 1 Std (versuchte das schnell hinter mich zu bringen) und sass dann den restlichen Nachmittag am Klavier. Der "Fleiss" zahlte sich bald aus: Die olle Floete wurde wieder abgegeben, die 1 Std ueben zum Klavier addiert.
    Die Methode meiner Eltern finde ich bis heute nicht akzeptabel (Druck, teilweise Schlaege), Entschuldigungen gibt es nicht. Es sind so einige Traenen auf die Tasten getropft... Waere es anders gewesen, waere sicher auch einiges anders gekommen. Vielleicht haette ich's aufgegeben, aus Trotz, Lustlosigkeit, Faulheit. Vielleicht aber auch nicht. Heute glaube ich, dass die Motivation die Leidenschaft und Hingebung sein sollte und nicht die Angst bestraft zu werden. Meine Lehrerin kooperierte eng mit meinen Eltern.
    Letzendlich war es so, dass ich nach nur wenigen Jahren alle Schueler weit hinter mir gelassen habe, auch die aelteren. Neben dem sog. Talent habe ich scheinbar auch das Glueck, dass ich schon als Kind enorm grosse Haende und ueberdurchschnittlich lange Finger hatte. Heute greife ich eine Spannweite von 10 Tasten. Das hat ernorm geholfen. Mit 10/11 Jahren habe ich schon die Mondsonate rauf und runter gespielt, verstehe sie aber erst heute.
    So ging es jahrelang weiter. Mit 13/14 sass ich mit meiner Lehrerin ganze Nachmittage am Klavier, bis zur totalen Erschoepfung und spielte auch Zuhause jeden Tag. Dazwischen kam mir die Pubertaet, eine Rebellion ohne gleichen. Es war die Rede von einem Konservatorium, einem Musikinternat fern von Zuhause. Ich wollte nicht, interessiert hat's keinen.
    In dieser Zeit hasste ich meine Eltern, jahrelang. Ich verstand einfach nicht, warum sie mir das alles antaten. Der Aerger mit ihnen vermultiplizierte sich durch den Mist, den ich im Uebrigen angestellt habe. Ich spielte zwar Klavier, aber nur wegen der Gewohnheit und eben dem Druck. Ich schob das Konservatorium vor mir her, bot an lieber noch ein Instrument erlernen zu wollen. Ich entschied mich fuer das Cello, wurde an einer Musikschule angemeldet. Als naechstes passierte etwas, was einfach alles ueber den Haufen geworfen hat. Ich hatte einen derben Streit mit meiner Mutter, habe mich aufgelehnt, mich geweigert und zum ersten Mal auch gegen ihre Handgreiflichkeiten gewehrt. Resultat war ein gebrochener kleiner Finger der rechten Hand. Klingt krass, war aber tatsaechlich so. Ich redete monatelang nicht mit ihr, liess das Klavier links liegen und widmete mich dem Bloedsinn der Jugend, und das exzessiv.

    Das Thema Klavier war fuer Jahre abgeschrieben, fing nur Staub. Meine Eltern haben nicht ein Wort darueber verloren, als waere es nie ein Thema gewesen. Alles hat sich seit diesem besagten Tag veraendert, die Beziehung zu meinen Eltern, meine Zukunftsplaene, mein Charakter. Es vergingen Jahre, bis ich mich hinsetzte und den Deckel wieder aufmachte. Selbstverstaendlich nicht unter den Ohren und Augen meiner Eltern. Sie hatten keine Ahnung, dass ich wieder spielte. Ab da nahm das Spielen fuer mich endlich die Form an, die es immer haette haben sollen: ich entdeckte, dass es viel mehr ist als nur ueben. Ich entschied wann und was. Aber ich bin nie wieder richtig reingekommen, haben nichteinmal das Nivel erreicht, was ich zuvor hatte. Traurig.
    Ich habe dann irgendwann meine Lehrerin kontaktiert, wollte wieder richtig anfangen. Dann kam es aber so, dass ich nach Spanien gegangen bin. Das war Okt letzten Jahres. Ich wohnte bei einer Familie, gab den Kindern Unterricht und spielte selbst stundenlang. Jetzt habe ich kein Klavier mehr, aber die Sehnsucht waechst von Tag zu Tag und ist kaum noch auszuhalten. Ich hab Gitarrespielen gelernt, nur um etwas zu spielen: hoechst unbefriedigend fuer Pianisten. Seit einigen Tagen beschaeftige ich mich intensiv mit der Tatsache, dass ich ein Klavier brauche und wie ich das anstelle. Das duerfte wohl aber ein Klacks sein im Vergleich zu dem, was ich hier in Spanien mit meinem Leben gemeistern habe...
    Ich bin froh schon vor Monaten auf Klavier-Wissen aufmerksam geworden zu sein, auch wenn ich mir etwas duemmlich vorkomme, weil ich als Nichtstudierte nicht mitfachsimpeln kann...

    Ihr Freaks bestaerkt mich aber in meinem Vorhaben... Danke dafuer.

    Susanna
     
  2. Elio
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    Elio

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    Also studiert habe ich auch nicht, ich glaube die wenigsten hier :)

    P.S. Herlich Willkommen :)
     
  3. Susi-Sonnenschein
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    Susi-Sonnenschein

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    Es hoert sich aber doch sehr studiert an. Kann man nicht anders nennen, wenn man solche Fachausdruecke hoert. Ich kann Klavier spielen, aber nicht erlaeutern, was ich da tue.
    Von deiner homepage bin ich uebrigens begeistert. Ich habe gestern den ganzen Nachmittag damit verbracht die Stuecke am Klavier zu hoeren, in Erinnerungen zu schwelgen. Die Motivation die Tasten selbst wieder in die Hand zu nehmen ist ins schier unermessliche gestiegen. Ich hoffe, ich pack das.

    Lieben Gruss aus Madrid,

    Susanna
     
  4. Peter
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    Peter Bechsteinfan Mod

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    Sehr beeindruckende Geschichte. Willkommen im Forum und viel Glück bei der Suche nach einem Klavier!
     
  5. Irina
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    Irina

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    joa, deine geschichte kommt mir doch bekannt vor

    hey, bin auch neu hier im forum :blues:

    susanna, deine geschichte kommt mir sehr bekannt vor:

    ich komme ursprünglich aus kasachstan und dort wurde das mit unterricht allgemein schon sehr streng gehandhabt. :klavier:
    naja, ich hatte 5 tage die woche und 4 stunden am tag klavierunterricht und das schon mit 5 jahren ...

    meine eltern waren sehr strebsam im bezug aufs klavierspielen. aber erst so richtig schlimm wurde es, als ich 6 wurde, denn da ging es dann noch ab in die schule und ich hatte keine zeit um mich mit freunden zu verabreden oder sonstigen spaß zu haben.

    von da an wurde das klavierspielen zu einer qual, die jeden tag ertragen werden musste. wenn ich mal was falsch gemacht hab oder bockig war (kam öfters vor), gab es viel geschrei, druck und auch oft schläge. darauf folgten dann stets tränen (meinerseits).
    schon früh wurde bei mir ein sehr ausgeprägtes musikalisches talent (bei dem klavierunterricht kein wunder) festgestellt (eltern hatten mit mir, als ich 7 jahre alt war, zusätzlich auch einen iq-test machen lassen: 156).

    so lief alles ab, bis ich 8 jahre alt war, denn dann zogen wir nach deutschland um. hier verfügten wir zu beginn über sehr wenige finanzielle mittel, und dennoch war das erste, was meine eltern gekauft hatten: richtig, ein klavier.

    aber meine motivation und mein anfänglich vorhandenes interesse waren wie weggeblasen. obwohl sie weiterhin druck ausübten, kamen sie nicht weit damit, denn bei der musikschule kamen wir auf eine lange warteliste.

    so verflog auch allmählich das interesse meiner eltern, denn die hatten beide einen langen arbeitstag, der spät anfing, sodass sie am nachmittag und abend, wenn ich von der schule zurückkam, nicht da waren. ihr könnt euch vorstellen, wie entspannt ich da war. so vergingen dann weitere 3 jahre.

    mit 11 hatte ich dann einen klavierlehrer zugewiesen bekommen, aber der taugte eher wenig ... war ständig krank, konnte nichts erklären ... mir damals auch wenig beibringen. so war ich da ca. 3 jahre geblieben, vorangetrieben wurde ich jedoch nicht.

    dann hatte ich ganz aufgehört mit klavierspielen. mit 18 jedoch (vor einem jahr) hatte ich mein interesse wiedergewonnen :floet: . jetzt ging es um die frage, was ich nach dem gymnasium machen würde ...
    ich hab allmählich angefangen mit spielen, jedoch habe ich auch jetzt noch mein niveau, das ich mit 8 hatte, nicht erreicht - sehr schade.

    zur zeit spiele ich die beethoven-sonaten. 1, 5, 7, 8, 14, 21, 23 und noch einige andere habe ich schon durch.

    jetzt sind die abi-prüfungen auch vorbei, daher wollte ich bald mit der ungarischen rhapsodie nr. 2 von franz liszt anfangen. doch scheint sie sehr schwer zu sein, daher muss ich mal schaun.

    kennt jemand von euch stücke mit sehr schöner melodie, die in etwa das niveau von den genannten beethoven stücken haben??? evtl. sogar mit adresse, wo ich eine aufnahme davon hören könnte???

    das forum habe ich erst heute entdeckt (internet erst seit ner woche), aber ich finde, dass es sehr gut gestaltet ist. ist auch nicht zu sehr mit fachworten überfüllt, sodass hier (fast) jeder mitreden kann. prima arbeit :!:
     
  6. Heglandio
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    Heglandio

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    Sehr persönliche Geschichte, Respekt, dass du das hier preisgibst! Das mit der Fachsprache ist halt Vorliebe. Einige Leute wollen wissen was sie spielen und ich bin so einer. Wie gesagt das ist lediglich Vorliebe. Natürlich gibt es bessere Klavierspieler wie ich einer bin. Nur die Theorie macht dich nicht zum Jahrhundert Spieler. Das sollte in aller Klarheit gesagt werden. Ich liebe Jazz und spiele vorwiegend auch Stücke aus diesem Genere und gerade da ist es enorm wichtig, dass man die Funktionen der Akkorde (Harmonien) und die Skalen (Tonleitern) versteht und richtig anwendet.

    Die Fachsprache der Musik wirst du vorwiegend nur in der Jazz-Ecke antreffen. Das sind halt die Jazz-Freaks. Klassik ist statisch (wie Stein) notiert und wird von den Pianisten selten verändert, bei einigen Leuten (Lehrern) ist die Improvisation von klassischen Themen sogar verpönt. Also, wenn du nur ab Blatt spielst, reicht das herkömmliche Fachzeugs (Kenntnis der Notenschrift usw.)

    Trotzdem wollen natürlich alle, dass wir hier ein Niveau haben und ein Niveau ist auch immer mit Qualität verbunden. Du hast schon enorme Qualität, wenn du flinke Finger hast. :wink:

    Beste Grüsse:

    Heglandio
     
  7. Susi-Sonnenschein
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    Susi-Sonnenschein

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    Hmmm...

    Hab ich dann also kein Niveau?... :?
     
  8. Susi-Sonnenschein
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    Susi-Sonnenschein

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    ...nur Qualitaet in den Fingern?...

    hmmm....
     
  9. Heglandio
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    Heglandio

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    Damit meine ich das Handwerk des Pianospiels! :-D
     
  10. Susi-Sonnenschein
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    Susi-Sonnenschein

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