Alibiphysikers Entdeckungen

alibiphysiker

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Liebe Clavioten,

schon seit längerem habe ich eine Schwäche für kleine, feine Stücke abseits des Standardrepertoires, welche einerseits auch für den fortgeschrittenen Hobbyspieler gut zu bewältigen sind, aber andererseits auch eine gewisse künstlerische Qualität aufweisen. Mittlerweile ist meine Sammlung so umfangreich geworden, dass ich sie gerne hier teilen würde. In regelmäßigen Abständen werde ich hier also ein Stückchen aus meiner Sammlung vorstellen.

Dieser Faden soll auch dazu ermuntern, die Stücke selbst zu spielen oder einzuspielen, ähnlich wie in einem der Workshop-Fäden! Einspielungen können dann sehr gerne hier auch geteilt werden.

Vielleicht findet sich ja für den einen oder anderen hier etwas Überraschendes für den Eigengebrauch :-). Meine Intention ist es nämlich, interessierten (Hobby-)Klavierspielern niederschwellig interessante Alternativen zum bekannten Standardrepertoire an die Hand zu geben. Deswegen werde ich auch am Ende jedes Beitrages kurz die pianistischen Schwierigkeiten kommentieren.

Liebe Grüße

Daniel

Übersicht:

Eine auskomponierte akustische Täuschung – der erste Satz der Sonatine op. 87 Nr. 1 von Charles Koechlin

Präludium und Fuge in phantastisch – Matthias Weckmann, Toccata und Canzon in d-Moll

Dissonanz ist Programm - Mozarts Menuett in D-Dur KV 355
 
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Den Anfang in diesem Faden macht heute Charles Koechlin: Ein Komponist, den ich wirklich sehr schätze und mag.

Eine auskomponierte akustische Täuschung – der erste Satz der Sonatine op. 87 Nr. 1 von Charles Koechlin.

Denkt man an Klaviermusik des frühen 20. Jahrhunderts, fallen einem vor allem Debussy und Ravel ein. Und klar, deren Werk ist so farbig und umfassend, dass man sich fragen kann, welche Musik anderer Zeitgenossen daneben eigentlich nicht blass wirkt. Und doch gibt es einen Komponisten, dessen Musik diesem Vergleich meines Erachtens nicht nur standhält, sondern eine ganz eigene, unverwechselbare Klangsprache entfaltet: Charles Koechlin (1867 - 1950) öffnet mit seiner Musik die Tür zu einem eigenen Klanguniversum, das gleichberechtigt neben dem seiner Zeitgenossen Claude Debussy (1862 - 1918) und Maurice Ravel (1875 - 1937) besteht.

Dass Koechlin überhaupt Komponist wurde, war lange keineswegs ausgemacht. Ursprünglich strebte er eine Ingenieurslaufbahn an, doch machte ihm eine Tuberkuloseerkrankung diesen Weg unmöglich – erst dadurch wandte er sich ganz der Musik zu. Die Begegnung mit der Musik Debussys hinterließ hierbei auf den jungen Komponisten einen besonders starken Eindruck. So schreibt Koechlin über Debussys Lied „Mandoline“, welches im Jahr 1890 erschien: „Manchmal reicht ein einziger Takt eines genialen Kollegen aus, um uns das Tor zu den verzauberten Gärten zu öffnen, in denen wir dann vielleicht ganz andere Blumen als er selbst pflücken dürfen.“

Koechlins Musik ist auch ganz anders als die Musik Debussys oder Ravels – experimenteller, und fremdartiger. Mir kommt sie oft auch stiller, weniger aufgeregt und schwebender vor. Seine Klangsprache ist geprägt von dem Experiment mit Polytonalität, Modalität, Atonalität und vor allem von einer sehr fein austarierten komplexen Harmonik, welche oft fast spektral und überirdisch anmutet.

Seine bekanntesten Klavierwerke sind die großformatigen Sammlungen Les heures persanes, Paysages et marines und L‘ancienne maison de campagne. Vieles ist hier, trotz Ermangelung von vordergründiger Virtuosität, wahnsinnig schwer zu spielen und wirkt auf den Hörer zunächst auch abschreckend ungewohnt. Daneben stehen aber auch viele schlichtere Stücke, allen voran seine zahlreichen Sonatinen, die sich auch für weniger fortgeschrittene Pianisten eignen.

Der erste Satz der Sonatine op. 87 Nr. 1 ist ein schönes Beispiel für Koechlins leise Raffinesse: Er komponiert darin einen regelrecht auskomponierten Shepard-Ton. Der Shepard-Ton ist eine akustische Illusion, bei der ein Ton scheinbar unaufhörlich höher (oder tiefer) steigt, ohne je „anzukommen“ – erzeugt durch mehrere übereinandergelagerte Oktavtöne, die abwechselnd ein- und ausgeblendet werden, sodass das Ohr keinen festen Bezugspunkt mehr findet. Koechlin überträgt dieses Prinzip auf den Klaviersatz und lässt so, ganz ohne elektronische Mittel, eine schwebende, endlos aufsteigende Klanglinie entstehen.




IMSLP: https://imslp.org/wiki/4_Nouvelles_sonatines,_Op.87_(Koechlin,_Charles)

Zur Spielbarkeit: Knifflig sind die großen Sprünge in der linken Hand. Sie erfordern ein gutes Timing, damit der schwebende Gesamteindruck nicht ins Stocken gerät. Klanglich ist es außerdem durchaus herausfordernd, das richtige Maß an Pedal zu finden. Jedoch ist beides, aufgrund des langsamen Tempos, des gleichförmigen Klaviersatzes und der kurzen Länge des Stückes, recht gut üb- und machbar.

Stücke mit vergleichbarem Schwierigkeitsgrad: Dieses Stück bietet ähnliche Herausforderungen wie leichtere Debussy-Preludes (Des pas sur la neige, Danseuses de Delphes). Jedoch ist es aufgrund seiner Kürze, seiner einteiligen Form und seines begrenzten thematischen Materials wesentlich zugänglicher und dadurch viel leichter handhabbar/beübbar.
 
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Dieses Stück ist einach ganz wunderbar!!! Vielen Dank, lieber Daniel.
 
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Präludium und Fuge in phantastisch – Matthias Weckmann, Toccata und Canzon in d-Moll.

Als Pianist bekommt man leicht den Eindruck, dass die Musik irgendwann zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Johann Sebastian Bach erfunden wurde. Dessen Erfindergeist erscheint umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass diesem armen Menschen nur jene seltsamen, gezupften Klimperkästen zur Verfügung standen, die mit ihrem penetranten Geklingel einen Irrweg in der Entwicklung zur modernen Hammermechanik darstellten. Und was war vor Bach? Seltsame Stimmsysteme, Mönche, die in Kutten modale Gesänge dahinjodelten, und Gesualdo – dieser irre Renaissance-Schönberg, der seine Ehefrau mitsamt ihrem Liebhaber im Ehebett dahinmeuchelte. Das klingt ja nicht gerade ermutigend!

Ist die Musik vor Bach also nicht wert, auch auf dem modernen Klavier gespielt zu werden? Ich muss zugeben: Die Beschäftigung damit bietet eine große Hemmschwelle. Vieles klingt für Pianisten ungewohnt, zumal das meiste nur auf Cembali oder Orgeln eingespielt wird, und der große Stilpluralismus erschwert die Orientierung zusätzlich. Als kleinen Einstieg möchte ich euch heute ein Fenster in die Zeit vor Bach öffnen: mit zwei Stücken, die auf dem modernen Klavier sehr gut funktionieren, nicht zu schwer sind und dabei eine ganz individuelle Qualität besitzen.

Hamburg, Mitte des 17. Jahrhunderts. Bach ist noch nicht geboren, und in den reichen Hansestädten mit ihren prächtigen Kirchen und großartigen Orgeln erlebt die Musik für Tasteninstrumente einen hochbarocken Höhepunkt – das, was wir heute die norddeutsche Orgelschule nennen. Ausgehend vom „Organistenmacher“ Jan Pieterszoon Sweelinck entwickelte sich aus seinem Hamburger Schülerkreis ein opulenter Orgelstil, zu dessen Exponenten neben Weckmann auch Dieterich Buxtehude, Nicolaus Bruhns und Heinrich Scheidemann gehörten. Einer der Aspekte, die hier zur Blüte gebracht wurden, war der Stylus Phantasticus: ein Kompositionsstil, der sich eher an ausgeschriebener Improvisation als an strenger Komposition orientiert und dadurch ein ganz eigenes Charisma bietet. Genau dieser Geist durchweht auch die Stücke, die ich euch heute vorstellen möchte, und lässt diese Musik so lebendig und leidenschaftlich wirken.

Matthias Weckmann, um den es hier gehen soll, wurde zwischen 1615 und 1621 – die Quellen sind uneindeutig – als Pfarrerssohn im thüringischen Niederdorla geboren. Als Chorknabe kam er noch als Kind an die Dresdner Hofkapelle, wo er wohl ersten Kompositionsunterricht bei Heinrich Schütz genoss, den er stets als seinen „väterlichen Freund“ bezeichnete. Später nahm er Orgelunterricht beim Hamburger Organisten und Sweelinck-Schüler Jacob Praetorius, bevor er 1655 zum Organisten der Hamburger Jacobikirche ernannt wurde. Eng befreundet war Weckmann zudem mit dem „Chopin des 17. Jahrhunderts“, Johann Jacob Froberger – dazu mehr an anderer Stelle dieser Reihe. Beide lernten sich wohl bei einem Tastenwettstreit kennen, bei dem sich beide eigentlich ebenbürtig zeigten, Froberger aber aus Höflichkeitsgründen der Preis zuerkannt wurde.

Vorstellen möchte ich euch heute die Toccata und Canzon in d-Moll. Die Toccata ist, wie es der Gattungsbezeichnung entspricht, ein Stück freier musikalischer Rede mit kontrastierenden Abschnitten und plötzlichen Stimmungswechseln. Die Canzon ist eine nicht gar so streng gesetzte Fuge. Beide Stücke atmen für mich eine große Leidenschaftlichkeit und Lebendigkeit, wobei der improvisatorische Gestus vor allem in der Toccata deutlich wird.

Beide Stücke funktionieren auf dem modernen Klavier sehr gut. Falls ihr mal eine Alternative zu Präludien und Fugen aus dem WTK sucht: Probiert es mal aus und öffnet das Fenster in die Zeit vor Bach!

Toccata in d-Moll:



Canzon in d-Moll



IMSLP: Nr. 9 und 7 aus https://ks15.imslp.org/files/imglnks/usimg/f/f0/IMSLP71091-PMLP142713-M._Weckmann_-_Utwory_organowe.pdf

Zur Spielbarkeit: Knifflig ist leider ausgerechnet das, was die Toccata so phantastisch macht. Den improvisatorischen Gestus so zu treffen, dass es weder zusammenhanglos noch „heruntergedudelt“ klingt, ist keine leichte Aufgabe. Gerade das macht das Üben der Toccata aber auch besonders lohnenswert, denn es ist eine große Freude, den Spannungsbögen und musikalischen Kräften des Stücks nachzuspüren und zu versuchen, sie überzeugend, im Sinne einer freien musikalischen Rede, darzubieten. Die Canzone ist, wie ich finde, angenehm zu spielen und deutlich leichter als viele Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier. Ihr kommt außerdem zugute, dass sie in vielen verschiedenen, auch langsameren, Tempi gut funktioniert.

Stücke mit vergleichbarem Schwierigkeitsgrad: Wer mittelschwere Präludien und Fugen aus dem WTK spielt, sollte diese Stücke gut hinbekomen.
 
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Gute Idee von Dir, @alibiphysiker, und gut gemacht!

CW
 
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Ich kann es nicht beurteilen wie interessant diese Stücke von Byrd und Gibbons (Sweelinck wurde schon genannt) für Pianisten sind, aber sie sind älter als Bach, und es ist eine meiner LieblingsCDs.
 
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@alibiphysiker,
vielen Dank, dass Du mir das schöne Stück von Koechlin in Erinnerung rufst. Der "theoretische Überbau" des Shepard-Tons war mir nicht bewusst.
Was mich bisher an dem Stück verwirrt hat: Ich höre die erste Note im ersten Takt (A) bei No. 1 im Basschlüssel, die in den Noten steht, in den Aufnahmen nicht. Die KI hat (wie immer) was zum Thema zu sagen, aber das klingt alles nach "klingt gut, könnte auch komplett geraten sein". Höre ich nicht aufmerksam genug hin, gibt es da verschiedene Ausgaben des Notentextes oder ...
Viele Grüße
 
Der "theoretische Überbau" des Shepard-Tons war mir nicht bewusst.
Wie auch. Als die Shepard-Skala irgendwann in den 1960ern "erfunden" wurde, war Koechlin längst tot. Trotzdem ist @alibiphysikers Vergleich absolut naheliegend; der psychologische Effekt in diesem Sonatinensatz ist dem der Shepard-Skala sehr ähnlich.

OT: Ligeti hat etwas Vergleichbares in seiner Etüde L’escalier du diable versucht. Die allerdings liegt weder abseits des Standardrepertoires noch ist sie für Hobbyspieler gut zu bewältigen und gehört daher nicht in diesen wunderbaren Thread. Aber sie unter diesem Gesichtspunkt aufmerksam zu hören, lohnt sich auch für Hobbyspieler!
 
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Dissonanz ist Programm – Mozarts Menuett in D-Dur KV 355

Es gibt manche Stücke, bei denen ich eigentlich der Überzeugung bin, dass sie jeder kennt und dass sie mindestens zum erweiterten Standardrepertoire gehören. Bei manchen dieser Stücke entpuppt sich diese Annahme dann aber nach und nach als irrig, wenn ich zahllosen Menschen von ihnen erzähle oder sie vorspiele und die meisten mit einem „Was? Kenn ich nicht!“ reagieren. Dieses Menuett teilt dieses Schicksal mit einigen weiteren, ebenfalls wenig bekannten Klavierwerken Mozarts, wie etwa seiner Suite in C-Dur KV 399, vielen seiner Klaviervariationen oder seiner kleinen Gigue KV 574 – Werke, die weniger bekannt sind, als sie es vielleicht verdient hätten.

Dabei ist das Menuett in D-Dur KV 355 wirklich ein recht bemerkenswertes und durchaus auch zukunftsweisendes Stück Musik – und zudem noch gut zu spielen und überschaubar. Bevor ich mehr Worte darüber verliere, möchte ich euch diesmal zuerst bitten, es einmal anzuhören:



Tja, was war das denn? Ein frühes neoklassizistisches Experiment Schönbergs? Ein verschollener Satz aus Saties Sonatine bureaucratique („Avec recueillement, il trie sa collection de figurines en porcelaine… constamment dans la crainte que son supérieur ne puisse entrer dans la pièce…“)? Nein. Das war höchstwahrscheinlich Mozart – auch wenn die Autorschaft nicht absolut zweifelsfrei belegt ist.

Hört man dieses Stück, überraschen vor allem die harschen Dissonanzen und die chromatische Stimmführung. Doch das allein ist es meines Erachtens nicht, was dieses Stück so besonders macht. Prominent gesetzte Chromatik findet man in der Klassik durchaus häufig, etwa in Mozarts a-Moll-Rondo KV 511 oder auch in Mittelsätzen mancher Sonaten. Auch harsche Dissonanzen gibt es öfter, etwa im Mittelteil des Mittelsatzes der Sonate KV 333. Das allein ist es also nicht – doch was dann?

Chromatik und ungewöhnliche Dissonanzen. Beides sind in der Musik der Klassik – wie auch in der des Barock – stets besondere Stilmittel, um einen besonders starken Affektgehalt zu illustrieren. Als solche kommen sie vor allem in dramatischen Passagen innerhalb größer angelegter Werke vor. Beispielsweise als Höhepunkt einer gut vorbereiteten Steigerung, der anschließend eine Auflösung und Entspannung folgt. Ebenso sind sie deutlich häufiger in Moll-Passagen oder -Werken anzutreffen – passend zu den Tonartencharakteristiken, nach denen Moll-Tonarten oft ein klagender, verzweifelter oder trauriger Affektgehalt zugeschrieben wird. Auch eine Verbindung mit außermusikalischen Bezügen oder Programmatik ist häufig, man denke beispielsweise an die Vorstellung des Chaos aus Haydns Schöpfung.

All dies ist hier allerdings nicht gegeben: Ungewöhnliche Dissonanzen und chromatische Stimmführung erscheinen innerhalb einer Miniaturform direkt zu Beginn – also nicht innerhalb einer längeren musikalischen Erzählung nach ausführlicher Vorbereitung. Zusätzlich reißt die Wahl einer Dur-Tonart diese Stilmittel aus ihrem üblicheren Moll-Kontext heraus. Außerdem fällt auf: Die starken Dissonanzen werden innerhalb des Tonsatzes nicht vorbereitet, beispielsweise indem dissonante Töne zunächst in einem konsonanten Klang eingeführt werden, sondern erklingen absolut unvermittelt und zudem noch in einer bemerkenswerten Dichte. Zudem erscheinen chromatische Linien und Motive nicht nur isoliert in einzelnen Stimmen, sondern werden übereinander geschichtet, motivisch verarbeitet und sogar im Kanon geführt. All dies lässt Chromatik und Dissonanzen nicht, wie üblich, als wohldosierte Stilmittel wirken, sondern erweckt den Eindruck: Dissonanzen, Chromatik und ihre Verarbeitung sind hier nicht nur ein Stilmittel, sondern der zentrale Gegenstand dieser Miniatur.

Und das finde ich in der Tat bemerkenswert. Zwar gibt es auch an anderer Stelle in Mozarts Werk ein außergewöhnliches Spiel mit Dissonanzen und Chromatik. Man denke beispielsweise nur an sein Dissonanzenquartett. Aber in so konzentrierter, exponierter und verspielter Form wie in diesem Menuett ist es mir sonst in seinem Schaffen nicht begegnet. Für mich trägt dieses Menuett somit auch im Keim ein wenig jener „Verselbstständigung der Dissonanz“ in sich, welche später in der Musikgeschichte noch eine große Rolle spielen wird.

Zur Spielbarkeit: Das Stück bietet die üblichen Schwierigkeiten kleinformatiger Werke der Wiener Klassiker. Ein wenig knifflig sind die Terzläufe in der R.H. Zudem braucht es ein wenig Fingerspitzengefühl, die Dissonanzen und ihre Auflösungen ausreichend galant zu spielen, sodass sie nicht wie eine herabstürzende Kommode klingen.

Stücke mit vergleichbarem Schwierigkeitsgrad: Wer andere Menuette und kurze Einzelsätze aus der Wiener Klassik gsepielt hat, sollte damit gut zurechtkommen.
 
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  • #10
Vielen Dank. Ich glaube, ich verstehe dieses "absonderliche" Stück nun ein wenig besser.
 
  • #11
@alibiphysiker : ein GROSZES Kompliment für diese Werkbetrachtung
 
  • #12
Dissonanz ist Programm – Mozarts Menuett in D-Dur KV 355

Es gibt manche Stücke, bei denen ich eigentlich der Überzeugung bin, dass sie jeder kennt und dass sie mindestens zum erweiterten Standardrepertoire gehören. Bei manchen dieser Stücke entpuppt sich diese Annahme dann aber nach und nach als irrig, wenn ich zahllosen Menschen von ihnen erzähle oder sie vorspiele und die meisten mit einem „Was? Kenn ich nicht!“ reagieren. Dieses Menuett teilt dieses Schicksal mit einigen weiteren, ebenfalls wenig bekannten Klavierwerken Mozarts, wie etwa seiner Suite in C-Dur KV 399, vielen seiner Klaviervariationen oder seiner kleinen Gigue KV 574 – Werke, die weniger bekannt sind, als sie es vielleicht verdient hätten.

Dabei ist das Menuett in D-Dur KV 355 wirklich ein recht bemerkenswertes und durchaus auch zukunftsweisendes Stück Musik – und zudem noch gut zu spielen und überschaubar. Bevor ich mehr Worte darüber verliere, möchte ich euch diesmal zuerst bitten, es einmal anzuhören:



Tja, was war das denn? Ein frühes neoklassizistisches Experiment Schönbergs? Ein verschollener Satz aus Saties Sonatine bureaucratique („Avec recueillement, il trie sa collection de figurines en porcelaine… constamment dans la crainte que son supérieur ne puisse entrer dans la pièce…“)? Nein. Das war höchstwahrscheinlich Mozart – auch wenn die Autorschaft nicht absolut zweifelsfrei belegt ist.

Hört man dieses Stück, überraschen vor allem die harschen Dissonanzen und die chromatische Stimmführung. Doch das allein ist es meines Erachtens nicht, was dieses Stück so besonders macht. Prominent gesetzte Chromatik findet man in der Klassik durchaus häufig, etwa in Mozarts a-Moll-Rondo KV 511 oder auch in Mittelsätzen mancher Sonaten. Auch harsche Dissonanzen gibt es öfter, etwa im Mittelteil des Mittelsatzes der Sonate KV 333. Das allein ist es also nicht – doch was dann?

Chromatik und ungewöhnliche Dissonanzen. Beides sind in der Musik der Klassik – wie auch in der des Barock – stets besondere Stilmittel, um einen besonders starken Affektgehalt zu illustrieren. Als solche kommen sie vor allem in dramatischen Passagen innerhalb größer angelegter Werke vor. Beispielsweise als Höhepunkt einer gut vorbereiteten Steigerung, der anschließend eine Auflösung und Entspannung folgt. Ebenso sind sie deutlich häufiger in Moll-Passagen oder -Werken anzutreffen – passend zu den Tonartencharakteristiken, nach denen Moll-Tonarten oft ein klagender, verzweifelter oder trauriger Affektgehalt zugeschrieben wird. Auch eine Verbindung mit außermusikalischen Bezügen oder Programmatik ist häufig, man denke beispielsweise an die Vorstellung des Chaos aus Haydns Schöpfung.

All dies ist hier allerdings nicht gegeben: Ungewöhnliche Dissonanzen und chromatische Stimmführung erscheinen innerhalb einer Miniaturform direkt zu Beginn – also nicht innerhalb einer längeren musikalischen Erzählung nach ausführlicher Vorbereitung. Zusätzlich reißt die Wahl einer Dur-Tonart diese Stilmittel aus ihrem üblicheren Moll-Kontext heraus. Außerdem fällt auf: Die starken Dissonanzen werden innerhalb des Tonsatzes nicht vorbereitet, beispielsweise indem dissonante Töne zunächst in einem konsonanten Klang eingeführt werden, sondern erklingen absolut unvermittelt und zudem noch in einer bemerkenswerten Dichte. Zudem erscheinen chromatische Linien und Motive nicht nur isoliert in einzelnen Stimmen, sondern werden übereinander geschichtet, motivisch verarbeitet und sogar im Kanon geführt. All dies lässt Chromatik und Dissonanzen nicht, wie üblich, als wohldosierte Stilmittel wirken, sondern erweckt den Eindruck: Dissonanzen, Chromatik und ihre Verarbeitung sind hier nicht nur ein Stilmittel, sondern der zentrale Gegenstand dieser Miniatur.

Und das finde ich in der Tat bemerkenswert. Zwar gibt es auch an anderer Stelle in Mozarts Werk ein außergewöhnliches Spiel mit Dissonanzen und Chromatik. Man denke beispielsweise nur an sein Dissonanzenquartett. Aber in so konzentrierter, exponierter und verspielter Form wie in diesem Menuett ist es mir sonst in seinem Schaffen nicht begegnet. Für mich trägt dieses Menuett somit auch im Keim ein wenig jener „Verselbstständigung der Dissonanz“ in sich, welche später in der Musikgeschichte noch eine große Rolle spielen wird.

Zur Spielbarkeit: Das Stück bietet die üblichen Schwierigkeiten kleinformatiger Werke der Wiener Klassiker. Ein wenig knifflig sind die Terzläufe in der R.H. Zudem braucht es ein wenig Fingerspitzengefühl, die Dissonanzen und ihre Auflösungen ausreichend galant zu spielen, sodass sie nicht wie eine herabstürzende Kommode klingen.

Stücke mit vergleichbarem Schwierigkeitsgrad: Wer andere Menuette und kurze Einzelsätze aus der Wiener Klassik gsepielt hat, sollte damit gut zurechtkommen.

Dieses Menuett mag ich sehr gern und finde es attraktiv. Meine KL findet es „sperrig“ und verstand nicht so ganz, warum ich es spielen wollte. War aber einverstanden. Allerdings bin ich dann wieder davon abgekommen und habe es bisher nicht begonnen. Meine Wunschliste ist einfach sehr lang…
 
  • #13
Ein Grund für die Unbekanntheit dieses Menuetts dürfte sich aus der Tatsache ergeben, dass es sich ohne Zweifel um einen fragmentarisch überlieferten Satz handelt, bei dem man nicht sicher weiß, was von Mozart und was von Maximilian Stadler stammt. Letzterer hat diesem Satz mindestens ein Trio hinzukomponiert, möglicherweise hat er auch das Menuett vervollständigt oder gar einen (unvollständigen) Streichquartettsatz auf das Klavier übertragen. Ich halte die Streichquartett-Theorie für nicht so fernliegend; der Klaviersatz ist schon deutlich anders als alles, was wir von Mozart gewohnt sind.
 
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